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Der Jähzorn an der Oberfläche

Ungeduld, ach, Ungeduld,
mir reißt sogleich der Faden.
Nichts gescheites fällt mir ein,
jetzt platzt mir wohl der Kragen.

Der Hals wird dick, die Kehle wund,
ich schrei dir in die Fresse.
Es hilft zwar nicht, das seh ich wohl,
doch fühl ich mich jetzt besser.

Ich kann nicht dichten, kann nicht schrein,
drum muss ichs wohl belassen,
muss hier jetzt sitzen, im Kerzenschein,
und dich so richtig hassen.

Nen Mord begehn, das wäre schön,
hack und zack, die Rübe ab.
Das Rübchen dann, die hole Nuss,
Traurig treibt die Spree hinab.

[Ich dachte auch an einen Voodoozauber.]


 
Mo, 10.11.2008 |  # | (395) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: blogosophie



 

Bruchstück

Es kommt daher, ganz tüdelü,
ein Roß mit seinem Reiter,
entledigt sich, ganz pöahpö,
vom fetten Wohlstandseiter.

Ist mir so aus der Jackentasche gefallen, das kleine Zettelchen, der Diktator wurde nach dem Diktat wahrscheinlich vereist.

[Trivialpoesie aus dem Nähkästchen.]
 
Do, 18.09.2008 |  # | (456) | 2 K | Ihr Kommentar | abgelegt: blogosophie



 

Le Birnbaum

Auf der Straße bewegten sich Menschen, Menschen in Obama-Shirts, Menschen auf der Suche, Menschen, die fotografierten, Menschen, die sich küssten, Menschen, die einfach so vor sich hin leben, Menschen, die Angst vor Terror haben und die schon am Morgen das Gefühl hatten, dass heute, an dem Tag, an dem ein Mann, der etwas will, was er noch nicht hat, so tut, als hätte er es schon und könnte so die Welt irgendwie verändern und Millionen jubeln ihm dann zu, etwas passieren würde, etwas Schreckliches, etwas Bedeutsames; alles Quatsch, Quark, Käse. Aber das werden sie wohl nie einsehen.

Er dagegen machte sich auf den Weg, bewegte sich nach außen, an den Rand der Stadt, der unberührt von dem Trubel bleibt, an dem das Leben genauso weiter geht, wie es alle gewohnt sind, ein Ort, an dem Veränderungen sich im Schneckentempo vorwärts bewegen und so kaum wahr genommen werden, weil alle, die hier leben, sich automatisch anpassen und einfach weiterleben, als hätte es nie anders sein sollen.

So, sagte er sich als er angekommen war, das ist er also, der Birnbaum, von dem sie immer sprachen, ein stattliches Stück, weit ausladend und hoch und eine von tiefen Furchen durchzogene Rinde. Er setzte sich in den Schatten des Baumes, in das knietiefe Gras, alles um ihn herum war verwildert und zugewachsen, ein paar Sonnenflecken dazwischen, Schattenmoos, über ihm eine wilde Vogelschar und der das Rauschen des Windes in den Baumkronen übertönte das Geräusch der auf der naheliegenden Straße vorbei fahrenden Autos. Schön hier. Und der Birnbaum erst, von dem alle sie schwärmten, sie hatten recht. Wie alt er wohl sein mochte? Hundert Jahre? Oder fünfzig? Fünfzig Jahre mindestens und der Nachbar kam gar nicht mehr raus aus dem Schwärmen, dies sei ja einer der wenigen Bäume, der noch keine Krankheit habe, der völlig gesund sei und im Herbst stiegenweise Birnen abwerfe, süß und voll und duftend. Nur die, die von ganz oben herunter fallen, die kann man nicht mehr essen, sagte er, weil sie so tief fallen und aufplatzen und sich dann Scharen von Ameisen darauf stürzen. Aber soweit war es ja noch nicht, es war Sommer und gerade jetzt diente der Baum als willkommener Schattenplatz, hier war es kühl und angenehm und es fühlte sich gut an. Ein gutes Gefühl am Rande der Stadt.

Was zählt, fragte er sich, im Schatten des Baumes sitzend und das vibrierende Handy in der Hand. Was zählt, fragte er sich, als er die Nummer auf dem Display seines Handys sah. Was zählt denn nun wirklich? Das hier vielleicht und sonst nichts? Ja, dachte er, das hier zählt, zumindest fühlte sich das hier so an, dieser Ort, unter dem Birnenbaum und er drückte den lästigen Anrufer zum dritten Mal weg. Jetzt nicht.

Vielleicht, dachte er, vielleicht sollte ich das Land einfach kaufen, dieses Land, rund um den Birnbaum, der, wenn er reden könnte, wohl Geschichten erzählte, von all dem, was hier einmal passierte und der einem sagen könnte, ob das Gefühl nun wirklich stimmt oder ob man sich nur getäuscht hat. Aber das Gefühl stimmte. Es musste stimmen. Denn, wenn man seinen eigenen Gefühlen nicht mehr vertrauen kann, wem dann? Und der alte Birnbaum wankte zustimmend im Wind, der immer wieder rauschend durch seine Krone fuhr.

Ja, sagte er sich, das ist es. Genau das.
 
Fr, 25.07.2008 |  # | (431) | 2 K | Ihr Kommentar | abgelegt: blogosophie



 

geh-reimt

ach, meck, meck, meck,
ach, mock, mock, mock,
ich hab jetzt einen
schock, schock, schock.

denn
uns're welt, die geht,
uns're welt, die geht,
ja,
unsre welt, die geht,
am stock stock stock.

(und wer das albern findet, möge bitte jetzt wegrennen,
denn es geht noch weiter.)

und auch kein
blog, blog, blog,
und auch kein
block, block, block,
(wart)
wird das noch richten
können.

(ein hoffnungsschimmer:
vielleicht hilft ja hubschraubereinsatz.)
 
Mi, 23.07.2008 |  # | (494) | 2 K | Ihr Kommentar | abgelegt: blogosophie



 

So oder auch anders

Die Welt ist wahnsinnig und verrückt. Pauschalisierend lief ich die Straße entlang und sah einen Mann, der aussah wie Graf Lottmann. Er saß auf einer Bank, müde, träge, schläfrig und natürlich sprach ich ihn an:

"Herr Lottmann, warum sitzen Sie hier rum und blasen Trübsal? Haben Sie etwa nichts zu schreiben?"

Das war sicherlich frech und im Prinzip auch unmöglich. Ich habe mich aber der Welt angepasst, bin wahnsinnig und verrückt geworden. Und Graf Lottmann antwortete mir:

"Über Sie könnte ich doch gar nichts schreiben. Ihr billiger Sparkassenangestelltenlook ist doch genauso öde und langweilig wie beispielsweise die deutsche Politik. Damals, als der Schröder noch Medienkanzler war, da war noch was los, ja. Aber jetzt? Nichts. Ein müder Beck und eine Fußballkanzlerin. Wären Sie wenigstens ein bunter Vogel, könnte man da vielleicht noch etwas schönschreiben, ein Anekdötchen erfinden, aber so. Diese deutsche Angestelltenlangeweile, das ist ja überhaupt nicht zu ertragen. Bitte gehen Sie weiter."

Sprach er und ich gab ihm natürlich recht.

"Graf Lottmann, Sie haben natürlich recht. Allerdings, das sollten Sie an dieser Stelle nicht ganz vernachlässigen, ist es doch gerade dieser billige Sparkassenangestelltenlook, der mich als hier und jetzt als Person ausmacht. Ich bin ja nun mal so, wie ich bin, also mindestens in der Verbindung zwischen dem inneren Kern und der nach draußen getragenen Hülle, also an dieser Grenzlinie zwischen den nach innen gedachten Gedanken und der zur Schau gestellten Äußerlichkeit. Ich kann mir auch vorstellen, dass sich irgendein wichtiger Philosoph bereits mit diesem Thema ausführlich beschäftigte und den zitieren zu können einen modernen intellektuellen Menschen wohl ausmachen dürfte, ein Philosoph, den ich aber wieder einmal nicht kenne und darum ja gar nicht erst zu dieser modernen Elite gehören kann, sondern nur zu den angestellten Langweilern. Und seine Thesen hat er bestimmt schon in dieses bedeutsame Internet geschrieben, und wird nun dort von Millionen Kommentatoren der modernen Elite gefeiert und zum Gotte erhoben, während ich nur youtube-Videos anschaue und in der Vergangeheit stehen bleibe. Allerdings, würde ich jetzt zum Beispiel im Rastafari-Schlumperlook herumlaufen, nen Joint zwischen den Zähnen und nen feinen Reim auf der Zunge, ich wäre genauso wenig authentisch wie im Ballkleid von Mausi-Lugner oder im Nadelstreif eines Vorstandsvorsitzenden. Verstehen sie, was ich meine?"

Leider war er in diesem Moment schon gar nicht mehr da, sondern dort, in irgendeiner Coffee-to-sit-Bar, in der sich die moderne Elite jeden Tag trifft und gemeinsam twittert und schmust und philosophische Zitate über das Internet, in das ja nun auch die bedeutensten Philosophen unsere Zeit hineinschreiben dürfen, austauscht und über alle anderen lacht. Ich dagegen hatte nun meinen halbgaren Monolog einer japanischen Reisegruppe vorgetragen. Die japanischen Freunde lachten brav und klatschten im Takt und nickten dazu ganz selbstverständlich. So viel Anerkennung war mir zuviel für einen Tag, ich nahm meinen Angestelltenrucksack und verschwand in meinem Angestelltenleben.
 
Do, 03.07.2008 |  # | (359) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: blogosophie



 

783

Das ist das Zeitalter der unpassenden Sonnenbrillen, riesengroß und clownig anmutend, eine Zumutung für jeden Sonnenbrillenvermeider, also für mich. Vielleicht bin ich auch nur neidisch, mir stehen diese Dinger nicht, also anderen auch nicht.

Das ist das Zeitalter der nach Nikotin stinkenden Typen, die sich in der S-Bahn Blödsinn erzählen und dabei großartig mit Plastikbechern schwenken, in denen kalter Kaffee mit Eiswürfeln schwimmt und vier Strohalmen stecken.

Das ist das Zeitalter, in dem sich Frauen von Männern weg setzen, wenn diese sich die Nase putzen müssen, also aus hygienischen Gründen dafür sorgen, dass ihnen nicht der Schleim aus der Nase läuft und sich in der Gegend verteilt. Vielleicht hat ihr aber auch nicht mein Buch gefallen.

Das sind die sogenannten Nuller-Jahre, die Nuller-Jahren waren und sind immer noch irgendwie, wenn Sie mich fragen und wenn ich ganz ehrlich bin, glaube ich, dass die zwangsläufig folgenden Zehner-Jahre noch viel irgendwie-er werden.

Ziehen Sie sich warm an.
 
Di, 01.04.2008 |  # | (373) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: blogosophie



 

Regenfahrt

Autobahn, graues Band, Raser rasen, Kleinwagen schleichen Hügel hinauf wie Schnecken durch das feuchte Gras eines Weinberges, Gischt zischt ums Auto, Scheibenwischer quitschen, der Motor dröhnt, Zylinder tanzen im Takt und aus Lautsprechern dröhnen die kalten Klänge synthetischer Klangerzeuger. Das ist meine Welt, hier drinnen, Instrumente in rötlichen Tönen beleuchtet, Zeiger zeigen Messstände an, man fährt soundso schnell und das bei soundsoviel Umdrehungen, noch 190 Kilometer, noch 150 Kilometer, noch 100 Kilometer, immer voran, ein Ziel vor Augen, hier bin ich für mich allein. Und aus Lautsprechern dröhnen Klänge synthetischer Klangerzeuger, jetzt weniger kalt, dafür bösartig, dunkel, tief. Meine Welt ist künstlich. Computergenerierte Töne, virtuelle Welten, plastische Bilder, gestellte Fotografien, ich könnte mich darin verlieren, in dieser plastischen Welt, plastisch und synthetisch, immer wieder veränderbar, beeinflussbar, ein paar Befehle auf der Kommandozeile und alles ist anders, grüne Schrift auf schwarzem Grund, blinkende Zeichen, stundenlang vor dem Bildschirm sitzen und verfallen. Draußen bewegt sich die Welt im normalen Bereich, die roten Positionslichter der Windräder blinken im Takt einer leisen Melodie, Autos fahren vorbei und ziehen einen Regenschweif hinter sich her, ich sehe dich und dich und dich, ich denke an euch, hier für mich allein, in meiner künstlichen Welt und dann denke ich, dass ich immer dachte, allein zu sein sei das Glück, aber das ist es nicht, nicht für mich, hier und jetzt und vielleicht für immer, nein, künstliche Welten hin oder her, diesen Moment des Heraustretens, der Moment des Erkennens der Realität, die spürbaren, gefühlten Erfahrungen und das Lachen der Kinder am rauschenden Meer, keine Stunde des Alleinseins kann das auf ewig ersetzen, in diesem Punkt habe ich mich tatsächlich in mir selbst getäuscht.
 
Mo, 17.03.2008 |  # | (1077) | 3 K | Ihr Kommentar | abgelegt: blogosophie



 

Back to black

Als er am Morgen hinaustrat und die Sonne, die das endgültige Ende des Winters ankündigte, im Gesicht spürte, als er endlich das richtige Lied im Player gefunden hatte und dann die alte Dame, mit der er noch vor zwei, drei Jahren nett geplauscht hatte, die ihn aber nun nicht mehr erkannte, sondern in sich selbst versunken und ihres langen Lebens müde versuchte, mit ihrem Wägelchen halbwegs die Spur zu halten, nur sich um eine dieser boulevardesken Zeitungen zu besorgen, also nur, um sich noch ein wenig an frischer Luft zu bewegen, mit großen Schritten überholte, stellte er ernüchtert fest, dass die Unendlichkeit eine große Lüge war.

Und später dann, als er, ein wenig müde zwar, aber dennoch entschlossen, wieder die Wohnung betrat, packte er zum Entsetzen aller ein paar Sachen zusammen, sagte „Tschüss!“ und verließ die Wohnung, für immer. Am Flughafen zahlte er mit der goldenen Kreditkarte, auf die er lange Jahre so stolz war, kaufte sich einen Notizblock, ein paar Stifte und ein Ticket, one way zur Insel am Ende der Zeit, und schenkte einem gesichtslosen Penner, der vor der Abflughalle um ein paar Cents für sich und seinen abgefuckten Hund bat, sein wunderbares Handy, ja, dieses ach so wichtige Handy, „Schalten Sie es auf keinen Fall aus, seien Sie immer erreichbar, die Welt könnte untergehen ohne Sie!“, dieses Dreckshandy also, das auch gerne mal mitten in der Nacht klingelte und den Untergang von irgendwas prophezeite, er warf es dem armen Mann einfach in den Schoß und der freute sich auch noch.

Und Stunden später dann, nach der absolut perfekten Landung unter südlicher Sonne, nahm er sich ein Taxi und fuhr an den Strand, suchte sich einen Platz zwischen den dunklen, nassen Felsen, ein Platz, von dem aus er das Rauschen des Meeres hören und nachts dann die vielen Millionen Sterne am Himmel sehen konnte und dort wartet er nun Nacht für Nacht auf den Zeitpunkt, an dem das alles, dieses ganze kosmische Gebilde, diese Ansammlung von Zufällen, auf ihn herabfallen wird, sich die Lüge von der Unendlichkeit endlich in Staub auflösen und er Recht behalten würde.
 
Mi, 12.03.2008 |  # | (449) | 6 K | Ihr Kommentar | abgelegt: blogosophie



 

Neujahr

Prosit. Neujahr. Aber die Nacht ist nicht erwähnenswert, gleicht den anderen, man stößt an, für die Kinder etwas alkoholfreies und das hier, ist das Champagner? Nein, nein. Ein paar Küsse, Umarmungen, Wünsche, draußen knallt es, Kinder weinen, stecken sich Finger in die Ohren, so dass man nicht mehr mit ihnen scherzen kann, bunte Kugeln im Himmel, Papierhaufen auf dem Boden, Menschen jubeln, gröhlen, irgendwann Ruhe.

Der Neujahrsmorgen beginnt gegen Mittag, die Nacht war lang, man ruht sich aus, ruht überhaupt noch einmal, lange, die kalten Füße warm verpackt und hoch gelegt, spätes Frühstück, gegenüber fegt jemand die Böllerreste zusammen, gedankenverloren, Neujahrsspaziergang. Es bleibt grau, ein wenig Schnee fällt, kalter Wind weht, ein paar Jogger arbeiten an ihren guten Vorsätzen, das vergangene Jahr entfernt sich zusehends, 2007 war negativ aufgeladen, ansonsten kaum erwähnenswert, nun frische Luft, ein klarer Kopf, das neue Jahr fühlt sich gut an. Die Neujahrsdepression bleibt aus, kein Kater streunt durch den Kopf, die entschleunigte Zeit, sie begann am 24. Dezember nachmittags, geht langsam zuende, die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr fühlten sich wie Jahre an, so viel Ruhe, man könnte sich daran gewöhnen.

Was kommt, weiß man nicht, lassen wir uns überraschen, wir sind offen für alles. Ideen sind da, vielleicht auch Möglichkeiten, nicht vielleicht, bestimmt. Nein, das sind keine Vorsätze, das ist einfach so und die Melancholie hält sich in Grenzen, Aufbruch steckt in den Köpfen, vielleicht auch, weil man die Nachrichten missachtete (Kuschelpädagogik, harte Hand), nicht auf das Geschrei hörte, ein gutes Buch, ein wirklich gutes Buch, endlich einmal zur Hand nahm, es lag auf dem Nachttisch, kein Nachttisch, eher ein Provisorium, man sollte viel mehr improvisieren. Gedanken, Ströme, gute Gefühle, irgendwann bekommt man Angst vor so viel Positivem, schnell in eine Decke einhüllen und genießen, nicht enttäuschen lassen, allen still ein gutes, neues Jahr wünschen und dann: Abwarten.
 
Mi, 02.01.2008 |  # | (434) | 3 K | Ihr Kommentar | abgelegt: blogosophie



 

Also doch weiter ich

Als Blogger bin ich ja mein ganz eigener Paparazzo und mein Blog ist mein ganz persönliches boulevardeskes Käseblättchen. Bufflon, November 2007

Während anderswo die Idiotie über Freiheit und Demokratie siegt und wir alle mal schnell unter Generalverdacht gestellt werden (Ist doch alles nicht so schlimm, nich, denn Sie, ja, genau Sie, Sie haben ja eh nichts zu verbergen, stimmts, Sie sind immer treu und rein, natürlich.), treibt mich nur wieder mein blogistisches Pseudo-Ich um, das es sich inzwischen unter dem dunklen Stern der Kapitulation gemütlich gemacht hat. Herbstdingenskirchen, vielleicht.

Kapitulation, das bedeutet am Ende vielleicht nichts anderes, als sich still und leise in seinen eigenen, wohlbehüteten Elfenbeinturm zurückzuziehen und sich selbst zu fragen, ob noch alles richtig läuft. Es geht ja gar nicht mehr um Selbstgeißelung oder Kasteiung oder dröge Melancholie der Selbstzerfleischung (mein Lieblingsthema) sondern eher um die Frage: Bin ich eigentlich ganz richtig im Kopf? Das ist natürlich ein Prozess, die Selbsterkenntnis und der geistige Schwund und es gibt so viele Keile um einen herum, die sich in den (hoffentlich?) intellektuell fitten Körper bohren, pieksen und dann, wenn man endlich den Ausblick aus dem hohen Turm des Dilettantismus genießt, weiß man, dass dumm sein und Arbeit haben eben doch das Glück sein könnte.

Dieses etwas abgewandelte Zitat ist natürlich ein Widerspruch zum erwähnten Dilettantismus, denn welcher prekariöse RTL2-Konsument arbeitet sich tatsächlich des nachts durch den so wunderbar zelebrierten Nihilismus eines Gottfried Benn, möchte an dieser Stelle der Wissende ganz richtig bemerken. Nun gut, plaudere ich einmal aus dem Nähkästchen, ohne mit rein zufällig angesammelten Halbwissen kokettieren zu wollen, det iss jetze nich janz so meen Ding.

Lesen, zum Beispiel, das ist in erster Linie das Stillen eines Hungergefühls, Hunger nach einem Futter, dass die Realität ja doch nicht so unbedingt zu bieten hat. Ich selbst bin doch eher der sich selbst behütetende Normalo, so dass ich nun wirklich nicht von unzähligen und unglaublichen Abgründen, Tragödien und Dramen zehren könnte, nur die Sache mit dem Lachen bekomme ich noch relativ realistisch hin. Wirklich. Also muss Futter von außer her. Literarisches Entertainment? Das allerdings auch nicht. Mehr. Mir selbst fiel an mir kürzlich auch noch auf, dass ich wunderbar und gepflegt lieben kann, aber überhaupt nicht hassen. Das ist doch komisch (und vielleicht auch schlimm), denn in dieser Welt scheint doch der Dualismus absolutes Gesetz zu sein: Leben und Tod, Gut und Böse, trallalla und pipapo. Sie wissen schon. Abgrundtiefer Hass, bedingungslose Liebe, da fehlt mir wirklich etwas, sieht man einmal von Typen ab, die ich aus Gründen nicht leiden kann (da gibt es doch einige), die ich aber ignoriere und nicht hasse. Ich arbeite mich auch nicht an ihnen ab, so wie es manch andere gerne tun und propagieren und für das einzig richtige halten (wofür ich sie in meinem stillen Kämmerchen auch manchmal bewundere), nein, das kann ich gar nicht, ich wende mich dann lieber ab und angenehmeren Dingen zu, Kochen zum Beispiel oder eine gepflegte Verwüstung im Kinderzimmer (oder Schlafzimmer, aber pssst) oder die nächtliche Lesung eines Artikels in der Spex, meinetwegen. Bin ich einfach zu gutmütig? Emotional gestört? Ich weiß es wirklich nicht.

Ich lese also, um ein paar Gefühle zu ersetzen, im Bestreben zu lernen, wie es sein könnte und drehe dabei meinen eigenen Film. Und das tue ich nicht, um mitreden zu können, das tat ich früher, allerdings sah ich da eher fern (MacGyver, jeden Nachmittag, Sie wissen schon), so wie alle, Schulhofgespräche, man will ja schließlich mitreden können, etwas zu sagen haben und weil ich das jetzt nur noch für mich tue, will ich weder mitreden, noch kokettieren, noch zitieren, was ich ja sowieso nicht mag, weil viel zu oft der Zusammenhang flöten geht, wenn man einzelne Sätze aus den komplizierten Gebilden artistischer Schriftstellerei herausreißt und allein und nackt und ungeschützt in die Gegend stellt, und am wenigsten will ich klug daher reden, wie es so viele um einen herum tun, die die Weisheit mit scheinbar riesigen Löffeln gefressen haben und nun mit der ganzen reingefressenen Scheiße das arglos daher kommende Umfeld zuschmeißen müssen. Sorry für diese kurze Entgleisung.

Herzlichen Glückwunsch, übrigens, wenn Sie sich bis zu dieser Stelle im Text durch ein paar scheinbar zusammenhanglos zusammen gewürfelte Gedankenfetzen geradezu durchgefressen haben, denn nun werde ich Ihnen völlig unaufgefordert verraten, worum es mir eigentlich geht: Kapitulation, nämlich. Der Gedanke, dieses Blog, das irgendwann irgendwie ein komische Richtung eingeschlagen hat, einfach so stehen zu lassen, ganz leise "adieu" und "bye bye" zu sagen und das alles, was hier passierte und passiert, in der Stille der Nacht und nur noch im ganz privaten Moleskine stattfinden zu lassen. Allerdings, und das wurde mir beim mehrmaligen, gebetsmühlenartigen Hören des letzten Tocotronic-Albums klar, ist gerade das ja gar keine für mich akzeptable Lösung, sondern genau das Gegenteil muss her, das Weitermachen, egal wie, egal wofür, egal, egal, egal. Außerdem ist ja weitermachen unglaublich sexy (vermute ich) und so herrlich positiv, auch ohne Groupies und Anbeter (aber gerade deswegen) und vielleicht lern ich am Ende noch ein Portiönchen Hass kennen? Also: Ja. Alles. Weiterhin. Tschuldigung, das hab ich mir jetzt mal so erlaubt.
 
Mi, 14.11.2007 |  # | (495) | 4 K | Ihr Kommentar | abgelegt: blogosophie



 



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Online seit: 08.02.2006
Letzte Aktualisierung: 03.06.2024, 07:57


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