|
Nacherzählt Komm, lass uns vor dem Fernseher sitzen, lass uns umarmen und ein paar Pistazien knacken, komm lass uns schauen, was in Europa so los ist, komm, lass uns den Grand Prix anschauen. Ach, sieh doch nur, diese olle Grütze, ja, mein Liebchen, ich habe das doch noch nie verstanden, so wie ich noch nie Wolfgang Petry und Udo Jürgens verstanden habe, diese gruselige Musik und das komische Getue dazu, so eine Mischung aus Volkstümlichkeit und Sex und alle finden irgendwie Armenien toll, aber bitte, schau dir doch mal Armenien an, ich meine, diese Musik würde ich nicht hören wollen, nicht einmal auf einem Armenien-Trip, durch Aserbaidschan. Oder so. Wie die alle singen und hopsen, man kommt aus dem fremdschämen gar nicht mehr heraus und am Ende gewinnt sowieso dieser Norweger, den ich auch nicht verstanden habe, warum gewinnt nicht Estland oder Island, ach, komm hol die Karten raus, lass uns Karten spielen oder wenigstens Geschichten erzählen oder wenigstens Minimaltechno hören, ich leg mal schon ne Platte auf, ja, ich weiß, das ist nicht Dita von Teese, das ist das blanke Entsetzen.
Zerbrechlichkeiten Kinder. Kann man haben, muss man aber nicht. Ich kann Kinderhasser genauso wenig leiden, wie übertriebene Kinderliebe. Die einen hassen meist etwas, was sie selbst gar nicht kennen (zumindest nicht in der Dauerhaftigkeit des Elterndaseins) oder auch nur von der Kasse im Supermarkt oder der überfüllten S-Bahn, alles Orte des Stresses für Kinder und Eltern, die anderen sind Träumer. Kinder sind auch Menschen, allerdings besonders zerbrechliche. Das merkt man erst, wenn mal - natürlich nur aus Versehen - etwas lauter wird, was immer wieder passiert, denn auch der erwachsene Mensch ist eben nur Mensch und nicht die von so manchem herbei geträumte Mutterliebemaschine, und die zerbrechlichen Wesen zusammenzucken und einen ganz komisch anschauen. Als wäre man von einem anderen Stern. Oder auch wenn man sie aus dem Autositz, in dem sie eingeschlafen sind, hebt, wenn sie gar nicht wach werden dabei und man sie ein wenig beunruhigt beäugt, weil man Apathie vermutet, wo Erschöpfung den kleinen Körper in den wohlverdienten Ruhezustand versetzt hat. Die Zerbrechlichkeit, die sich zeigt, wenn man ihnen ein Schüsselchen bringt, in das sie bequem hinein kotzen können, wenn sie auch schon längst das Sofa bespuckt haben, das Sofa, das eigentlich ein weißes Designerteil sein sollte, aber aus elterlicher Weitsicht in einer kinderverträglichen Farbe und Ausstattung angeschafft wurde, man hat da ja schon so seine Erfahrungen. Die Zerbrechlichkeit, die sich zeigt, wenn man den schlappen Körper in ein Krankenhaus bringt, weil man dann doch beunruhigt ist, weil man die Katastrophen schon vor seinen Augen sieht (Notarzt, Hubschrauber, OP, Intensivstation, sorgenvolle Menschen malen sich die furchtbarsten Dinge aus). Das Krankenhaus, der Ort der tatsächlichen Kranken und der Menschen mit übertriebener Kinderliebe. Schon beim Eintreten in das Objekt, das man selbst als Kind erfahren musste, kann man Spreu vom Weizen trennen, draußen scheint die Sonne, drinnen springen Kinder umher. Eine Schwester beäugt diese Situation und fragt sich die Frage, die man sich selbst, die müde, apathische Zerbrechlichkeit im Arm, auch stellt: Was wollen diese lachenden, springenden Kinder hier? Wer verwechselte hier die Notaufnahme mit dem Abenteuerspielplatz nebenan? Wie kann es sein, dass das eigene Kindchen erst den Fußboden vollkotzen muss, um in die heiligen Hallen der gestressten Ärzteschaft eintreten zu müssen, während im Wartezimmer "Einkriege mit Zeck" gespielt wird? Nun ja, angespannte Eltern urteilen manchmal genauso vorschnell wie der gemeine Kinderhasser die schreienden Bälger pauschal verurteilt und was soll man sich aufregen, es geht doch hier sowieso nur um die schlafende Zerbrechlichkeit. Und dann, wenn alles wieder gut ist, wenn das Kind, das man tagelang beobachtete und bewachte, wieder durch die Gegend hüpft und springt und man wieder den Kopf schüttelt, die Kinderhasser schon wieder das schreiende Balg sehen und die übertrieben Kinderlieben einfach nur debil lächeln, dann kehrt die heile Welt wieder ein und die Zerbrechlichkeit rückt in den Hintergrund, alles wirkt wieder robust und gesund, bis zum nächsten Mal, nächste Woche vielleicht oder nächstes Jahr, bis die Zerbrechlichkeit vergeht, bestimmt zum dreißigsten des eigenen Kindes oder auch nie.
Vereinzelt Wenn einem das Bett unterm Hintern wegbricht, man sich umdreht und weiterschläft, während der Körper die Situation als ungewöhnlich einstuft und einem diese Ungewöhnlichkeit mit außergewöhnlich ungewöhnlichen Träumen anzeigt. Wahrscheinlich gibt es dafür auch innerkörperliche Formulare. # Der Sonnenaufgang, wie immer im Osten, glutrote Scheibe auf lilanem Hintergrund, eine kleine dickliche Dame mit kurzen Dackelbeinen und lustigen Schuhchen mit lustigen Absätzchen, die sie nur trägt, um etwas Schlankheit in den prallen Körper hinein zu simulieren, kreuzte meinen Weg und das erstaunliche an dieser absolut langweiligen Banalität war, dass ihre Haarfarbe haargenau dem lilanem Hintergrund des Sonnenaufgangs glich. Sie rauchte. # Ein Mann in kurzer Hose, grauen Tennissocken und braunen Ledersandalen. Mit Schnauzbart. Und einer Jacke mit zum Ellenbogen hoch gekrempelten Ärmeln. # Warum sollte man eigentlich die Single des frisch gekürten deutschen Superstars (mindestens für fünf, sechs Monate, vielleicht) kaufen, wenn die doch sowieso gefühlte 500mal am Tag in deinem Lieblingsradio mit den besten Hits aus der Steinzeit, dem Mittelalter und dem Jahr der Ultramegakrise läuft? Man verrate mir dies einmal. (Keine Ahnung, wer überhaupt noch Musik kauft. Höchstens mal ganz ausgefallene.) # Wieder keine Zeit, die Zeitung zu lesen. Die richtige Zeitung. Die dicke. Kein Wunder, dass ich so endsgriesgrämig bin. # Keine Zeit einen Roman zu schreiben. Überlege, ein Buch über Gärten zu schreiben. Es gibt doch nun wahrlich nichts interessanteres als Gärten. Menschen kommen und machen die Natur platt, um dann mit viel Mühe und Sorgfalt eben solche künstlich nachzubilden, aber eben gerade nicht, wie der Zufall es will, sondern kontrolliert menschlich. Erst der Bagger, dann der frisch heran gefahrene Mutterboden, dann die Samen, Wasser, kleine, schon heran gezogen Pflänzchen, Stauden, Sträucher, Bäume, Steine, Figürchen, Holzelemente, Wege, Terassen, Pavillons und Teiche. Selbst der ökologische Ökogarten darf nicht wachsen, wie er will, nein, nein, er wird nur ein wenig zarter hergerichtet. # Wäre ich Milliardär, mich interessierten doch gar keine Finanzgeschäfte mehr, ich würde mich dem Mäzenatentum widmen, aus Jux und Dollerei. Vielleicht sogar schon als Millionär. Vielleicht würde ich auch endlich Zeit haben, meine Haare lang wachsen zu lassen, mich täglich fünf Stunden im Keller einschließen zu können, um die ganze Zeit einen Haufen elektronischer Instrumente zu bearbeiten, das alles digital aufzunehmen, zu bearbeiten und meinen ungefähr sechstausend Anhängern bei myspace zu präsentieren, die das dann toll finden und mich auch. Ich sehe mich schon als eine Art verrückten Professor, äußerlich Griesgram, innerlich verwirrt, dafür aber mit eigener myspace-Fangemeinde und vielleicht sogar mit eigenem Blog. # Am schönsten sind immer noch die Geschichten vom T., die immer wieder zeigen, wie kaputt diese Welt ist, ganz besonders die Finanzwelt.
32 Draußen sitzen und denken: Was will man mehr? Natürlich ist man nicht ohne Wünsche und Träume, aber. Das ist doch nur noch Beiwerk, Luxus, mehr, als unbedingt nötig ist. Wäre man als Millionär glücklicher? Wohl nicht. Man muss auch nicht alles haben. Ein wenig Musik aus dem Dachfenster des Hauses am See, ein, zwei, drei Mal angelächelt werden, den Spaten aus der Hand legen, um ein Buch zur Hand zu nehmen, einen Kaffee trinken, Löcher in die Luft starren. Man weiß, das man vieles noch gar nicht weiß, aber unbedingt wissen möchte, dass also die Zukunft, wie auch immer sie aussieht, nicht ganz langweilig wird, wenn auch bescheiden, und man hofft, dass die unvermeidlichen Klippen ohne größeres Leck umschifft werden können. Ein Tag, an dem das erste Geschenk ein Kuss und das zweite eine Dose billigsten Dosencappuccinos ist - wer trinkt so etwas? - kann nur ein guter, besonderer Tag werden. (Der Krise entgegen. Der Krise entgegnen. Man nannte mich heute schon den "Sturmgeborenen", was natürlich stimmt, denn es gewitterte schon damals heftig.)
1180 Ich träumte. Ein natürlicher Vorgang, schwer zu steuern. Es wäre mir manchmal lieber, den internen Vorgang des Träumens aktiv beeinflussen zu können. Dann müsste ich es beispielsweise nicht hinnehmen, dass Radlader heraus gebaggerten Kies auf dem Dach liegend aufnehmen, um sich dann um einhundertachtzig Grad drehend in Richtung Strand zu bewegen, das dunkelblaue Meer war nämlich zu verfüllen, denn der Meeresspiegel steigt derzeit überdurchschnittlich. Der durchschnittliche Radladerfahrer trägt laut Angabe meines Unterbewusstseins einen topaktuellen Haarschnitt (Gala), einen gepflegten Drei-Tage-Bart sowie eine Prenzlauer-Berg-Werber-Brille von Armani. Habe ich genau gesehen. So etwas kann man doch gar nicht hinnehmen. Auch nicht die automatisch aus dem Fußboden fahrende Doppeldusche, in die sich ein Pärchen, das mir und ihr sehr ähnlich zu sehen schien, hinein begab, um zu duschen. Natürlich, was sonst. Diese Reinlichkeitsträume, das kann doch nicht normal sein. Das Pärchen bewohnte übrigens eine Art Tunnel, in grünlich-grauem Licht gehalten, ein wenig wie eine Unterwasserhöhle. Wünsche ich mir dies? Dann habe ich mich nun in ein Aquarium zu verziehen und die Welt durch eine dicke Scheibe von innen heraus zu betrachten. Ich harre der Dinge.
M6 Junges Pärchen in der Tram. Er erinnerte mich an einen vergangenen Freund, der immer unmögliche Witze erzählte und auch sonst viel Unsinn. Sehr viel. Sie sah ganz hübsch aus, er ganz nett. Er sprach irgendwie kumpelhaft mir ihr, wollte ihr aber eigentlich an die Wäsche, was ich auch gewollt hätte, als ich noch jung und Schulabbrecher war. Er fragte sie, ob sie schon in dem neuen Saturn am Alex war, worauf sie klug antwortete: Gibt es dort nicht genau die gleichen Sachen, wie in jedem anderen Saturn? Natürlich. Klug. Ich werde mir diese Antwort merken und an anderer Stelle, in etwas abgewandelter Form anbringen: Gibt es nicht in jedem Schuhladen genau die gleichen Schuhe? # Ich hasse es, Tram zu fahren. Ich liebe es, Tram zu fahren. Eine wahre Hassliebe. # Eine dicke Dame in rosa Jogginganzug, unwillkürlich muss ich an Kurt Krömers Zementa denken, diese kleine, dicke Pummelfee, setzt sich neben mich und ihren kleinen, stinkenden Pikinesen auf ihren Schoß. Hier wird nicht gefurzt und auch nicht der schlechte Hundeatem durchs Abteil gehechelt, denke ich und verkrieche mich hinter meine Lektüre. # Das junge Pärchen setzt sich. Er fragt sie nach ihrem Exfreund, sie erzählt Verworrenes, als könnte sie mit Liebe nicht viel anfangen, erinnert mich ein wenig an Maxim Billers "Liebe heute". Er kann auch nur Verworrenes beisteuern und lacht immer so laut und hässlich, während er ihr immer so kumpelhaft zu nahe kommt. Was willst du denn nun? Denke ich und sie wahrscheinlich auch, vielleicht sind die Grenzen hier aber auch schon klar und man tut vielleicht nur so ein bisschen. Angetäuschte Liebelei. Solange es nicht in angetäuschtem Sex endet, dürfte das vielleicht auch lustig sein. # Eine Horde Schüler irgendwo aus Deutschland fährt from innercity durch den urbanen Moloch in die Plattenbausiedlung. Mal Hartz-IV kucken oder so. Der eine fragt den anderen, was da wohl für Leute drin leben mögen, in den Plattenbauten, man ist sich einig, dass es auf jeden Fall keine guten, schönen, intelligenten sein dürften. Idioten, denke ich. # Das junge Pärchen befummelt sich. Was ist das hier? Ne Übung? Frage ich natürlich nicht, ich war ja auch so. Gefühlsvergessen und merkbefreit. Erst nach drei Jahren hatte ich gemerkt, das meine erste große Liebe, meine erste große Liebe war. Da war dann aber auch schon die zweite und dritte vorbei und bei der vierten hab ich es dann wieder ganz groß vermasselt. Und trotzdem irgendwann angekommen. Ach, sollen die doch machen, was sie wollen, wenn es Spaß macht. # Heute wieder, M6, vielleicht beobachte ich ja auch mal Sie.
1173 Der Viereinhalbjährige aus atheistischer Familie, also komplett gottlos erzogen, dafür aber mit diversen Sendungen des öffentlich-rechtlichen sogenannten Kinderkanals betraut, bemerkte am sonntäglichen Frühstückstisch, unter freiem, blauen Himmel sitzend, dass der liebe Gott doch im Himmel wohne und ein bärtiger, alter Opa sei, woraufhin der Siebeneinhalbjährige, aus selbiger atheistischer Familie stammend und vom vermutlich gottneutralen Lebenskundeunterricht der Berliner Grundschule nicht verschont, hinzufügte, dass dieser Opa doch noch ein Sohn gehabt hätte, der zwischendurch mal tot war (ans Kreuz genagelt von schick gekleideten Römern) und trotzdem später irgendwie wieder auf der Erde rumrannte. Vergnügtes Schmunzeln, Abgang. Dies alles ohne Pro Reli. [Und vielleicht bemerken, dass das sogenannte Motto dieses Blogs mitnichten einer gewissen Merkbefreiung huldigt, sondern genau das Gegenteil verlangt. Ab und zu mal selber denken.]
|
![]() (geborgt bei flickr)
Online seit: 08.02.2006
Letzte Aktualisierung: 03.06.2024, 07:57 Links: ... Home ... Blogrolle (in progress) ... Themen ... Impressum ... Sammlerstücke ... Metametameta ... Blogger.de ... Spenden Archiviertes:
Suche: |
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
|