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Bis ans Ende der Welt Jetzt ein Schiff besteigen, ein ehrwürdiges altes, aus dunklem Holz und drei langen Masten, mit ächzenden Planken und stinkenden Kajüten, ein paar Fässer mit Wasser darauf und ein Vitamintabletten, der neuzeitliche Spaß gegen Skorbut und kalte Winde, Schiffszwieback und Rum in großen Krügen, geflickte, graue Segel, frisch getakelt im kalten Wind, die schäumende, dunkle See drum herum, wütende Wellen brechen am Bug und in der Ferne verschwindet das Land, die Häuser, die Menschen und das ganze Tohuwabohu. Kein Bling und kein Bläng, keine Zeitung, kein Blog und auch sonst gar nichts mehr, nichts kaufen müssen und auch nichts besorgen, für diesen und jenen und auch für sich selbst, nichts, gar nichts, nur Salzwasser auf den Lippen und blutige Hände, vom Reffen der Segel im aufziehenden Sturm.
1082 Knapp sechs Tage nur, was alles geschehen ist, welche Wetter vorbei zogen, welche Menschen man traf, was man alles sah und sehen musste, was man fühlte oder aber eben gerade nicht fühlte, was man aß, was man trank, sechs Tage, einhundertvierundvierzig Stunden, eine gefühlte Ewigkeit. # Es war auch viel Kitsch dabei, gedanklicher, aber wer denkt denn nur den ganzen Tag tatsächlich denkenswerte Gedanken? Ab und zu leidet man auch unter Visionen. # Ich möchte handwerken. Täte ich mehr mit der Hand, statt mit dem Kopf, würde mich also morgens in ein Gefährt setzen, das mich zu einer Baustelle bringt, auf der ich zu arbeiten und meine Stunden mit handwerklichem Sinn zu füllen habe, würde dort Maß nehmen, anzeichnen und die Dinge mit lauten Maschinen bewegen, statt nur mit freundlichen Gesprächen, belanglosem Tastaturgeklimper, müdem Gekritzel, wäre ich ein glücklicherer Mensch? Natürlich nicht, das ist nur der pseudoromantische Gedanke an die Dinge, die man nicht hat. # Beobachtungen hinter der Gardinenstange: Jeden Abend, gegen zehn, fährt eine Frau vor, die nicht mehr richtig gehen kann, irgendetwas stimmt mit ihrem Fuß nicht, sie humpelt. Sie humpelt, nachdem sie aus ihrem alten Clio ausgestiegen ist – altes Dieselmodell, Klack, Klack, Klack, bräunliches Gelb – zu einem recht neuen Volkswagen, den sie Stunden vorher mittig in zwei freie Parklücken geparkt hatte, wirft diesen an, um ihn vor zu fahren und dann ihren alten Clio dort einzuparken. # Gute Mischung: Schnee, Matsch, Eis, Pfützen, Lehmboden, Muttererde, Gummistiefel, bis zur Haut durchnässte Schneehosen. Früher, so sagt man, trank man viel und sorgte sich wenig, heute ist es umgekehrt. [Musik des Tages: Kings Of Leon - Sex On Fire]
Wochenend und Sonnenschein Ein Samstagmorgen ohne Frühstück ist ein verlorener Samstagmorgen, fast ein verlorenes Wochenende, im Prinzip, sollte das ausgiebige Frühstück aus Gründen nicht stattfinden können, sollte man sofort in einen Dornröschenschlaf fallen und nie wieder aufwachen, also spätestens bis zum nächsten Morgen schlafen, der dann sicherlich mit einem ausgiebigen Frühstück gesegnet ist. So begann also dieser Morgen nicht, sondern fiel einfach so vom Himmel herab, denn ein früh gestellter Wecker an einem Samstagmorgen, das ist fast eine göttliche Strafe. Gähn. Gähnende Gesichter, ein wenig leer und fad, käsig und auch angefressen, mürrisch den Zündschlüssel ins Zündschloss stecken und los geht die Fahrt. Fahren wir lange? Ja, wir fahren lange. Also mindestens, wenn nicht sogar. Schnell verschwindet die Stadt aus dem Blickwinkel, in den leeren Magen hinein gezwungen wird ein Überbrückungsfrühstück, es wird an passablen Brötchen vom Lieblingsbäcker an einem unpassenden Ort gemummelt, man hat den morgendlichen Schock der Frühe schwer verdaut und neigt deswegen zu meditativer Stille, im Radio spielen sie auch nur Mist. Hallo, Land, wir kommen jetzt und der Schnee liegt natürlich dort, wo er hingehört, auf Feldern und in Wäldern, heute Abend wird es regnen, dann ist es auch hier weg, das Weiß, aber jetzt ist es noch da und erfreut den vorbei huschenden Betrachter mit seinem morgendlichen Gräuel. Bei Fürstenwalde tauchen ein paar Hügel auf, es gibt auch eine Stelle an der Autobahn zwischen Dresden und Bautzen, die sieht genau so aus, in meinem nächsten Leben werde ich Landschaftsfotograf, ziehe mit Objektiven gefüllter Tasche durch die einsamen Wälder und wünsche Fuchs und Hase eine gute Nacht. An LKW vorbei schiebt man den müden Wagen, mit müden Augen, wenigstens scheint die Sonne, dann sieht die Oder-Metropole Frankfurt nicht ganz so grau aus, ach ja, diese großstädtischen Vorurteile gegenüber allem anderen, diese kleinbürgerlichen Bildnisse von der Unvollkommenheit der Dinge außerhalb seines eigenen Dunstkreises, auch ich habe schon einmal Menschen nach ihrem Autokennzeichen beurteilt, nun werfe jemand bitte den ersten Stein. Die Jungs aus Eisenhüttenstadt, nein, ich verkneife mir meine Bemerkung, ich will doch gar nicht so sein, vielleicht sollte man eher hingehen und sagen, aber, man kann sich nicht um alles kümmern. Und während der Ball läuft und unermüdlich gerannt wird, setzt man zur Analyse an, das Spiel, die Menschen, überhaupt alles wird analysiert und eingeordnet, vielleicht kann man es noch einmal verwenden. Später kickt man selbst, immer noch müde und zerknirscht vom falschen Frühstück, lustlos auf dem verschneiten Bolzplatz mit der Zukunft des deutschen Fußballs herum, dahinten irgendwo fließt die Oder, in der gebrochenes Eis schwimmt, große, dicke Eisschollen, die langsam in der Mitte treiben („Bootsmann auf der Scholle“), auf der Brücke steht jemand und macht ein Foto, denn das Licht ist gut und das Motiv sehr winterlich, hinter der Oder liegt Polen und hinter Polen kommt dann eine ganz andere Welt, fern und verschneit und viel Gas in der Erde und in Rohren, das noch mehr Geld bringen soll und da man dort nicht hin möchte, dreht man um, am Wendepunkt und macht sich auf den Weg in Richtung Ende eines Tages, der hoffentlich wacher endet, als er angefangen hat.
Bittersweet JJ, dachte Win, den werde ich anrufen, da geht noch was. „Hey, ich glaube, du hast nen riesiges Problem.“ sagte JJ kurz bevor das Gespräch mit Win beendet war. Er hat recht, dachte Win, ja, hat er. Es ist ja nicht nur so, dass dieses sinnlose Abgehänge hier absolut nervtötend ist, nein, das alles bringt einen an den Rande des Verstandes. Und darüber hinaus. Es fühlte sich an wie ein Gemisch aus heißem Kleber und weißer Watte. Der Boden von heißem Kleber bedeckt, gerade noch so weich, dass man die Füße ganz leicht in die knöcheltiefe Suppe hinein bekommt, aber nicht mehr hinaus. Nie wieder. Das Zeug klebt fest und ist dabei immer noch irgendwie elastisch, man kämpft und kämpft, kommt aber keinen Schritt vorwärts, überhaupt kommt man nicht mehr von der Stelle, ist gefangen, in Zeit und Raum und irgendwann verharrt man in Bewegungslosigkeit oder verfällt in Panik, Angst und dann greift der Fluchtreflex, Panik und Fluchtreflex und nicht mehr wegkommen, Stillstand. Und während die Füße im klebrigen Sumpf der Perspektivlosigkeit versinken, steckt der Kopf in einer dicken Watteschicht, man ist blind und taub und verliert jeglichen Kontakt zur realen Welt, alles verschwimmt, verschwindet hinter milchig-weißen Fasern, es gibt kein „da draußen“ mehr, nur noch den Wattekokon, ein weiches Verließ, bittersüß und ohne Ausweg, man ist eingesponnen, gefangen genommen, wird gnadenlos gefoltert und am Ende, ja, am Ende sterben erst die am Boden festgeklebten Beine und später dann der wattierte Kopf ab und man selbst verschwindet in der letzten Sekunde im Nichts. Es stimmte, Win hatte ganz offensichtlich ein riesiges Problem. Irgendwann machte sich Win aus dem Staub, eine Flucht nach vorn, dachte er sich, nur weg von diesem verwunschenen Ort, dieser Hölle auf Erden. Draußen wehte ihm kalter Wind ins Gesicht, vermischt mit dichtem Nieselregen, sofort überkam ihn das Gefühl, am Leben zu sein und er öffnete die Knöpfe an der Kragenleiste seines Mantels, um noch mehr Kälte an den gefühllosen Körper zu lassen, Kälte, die diesem wieder Leben einhauchen sollte, die ihn spüren ließ, das noch nicht alles verloren war, dass er das Schattenreich immer noch rechtzeitig verlassen konnte. Die Wohnung war ruhig und verlassen. Liz war nicht da, noch unterwegs, ach nein, fiel es ihm ein, sie kam erstmal gar nicht wieder, unterwegs mit den Kids und er war auf sich allein gestellt, ganz allein, Einsamkeit, Stille. Kein Problem für ihn, er fühlte sich wohl, allein, in der kalten, verlassenen Wohnung, ohne Stimmen, ohne Radio, ohne Gewusel, das um ihn herum passierte, nur er, der dann gerne eine Stunde regungslos im Sessel saß und die Kronen der Bäume vor dem Fenster betrachtete. Nur diesmal nicht. Ein kaltes Zittern durchlief seinen angespannten Körper, er sehnte sich nach Gemeinsamkeit, nach Leben, nach Gewusel und Krach, warum gerade heute, fragte er, aber so ist das immer, wenn man auf dem Weg nach unten ist, ja, dann geht gar nichts mehr, dann kann auch keiner mehr helfen, man war auf sich selbst gestellt, musste da irgendwie durch, durch diese dunklen Gedankenwelten, Phantasien und Realitäten, ganz allein, so war das schon immer in seinem Leben. Egal, dachte er dann und ließ sich erst einmal eine Badewanne ein. Später dann saß Win vor dem leeren Bildschirm seines Notebooks und dachte nach. Meine Güte, du bist wahrscheinlich verstrahlt, dachte er sich, seit Jahren sitzt du Stunden, Tage, Wochen vor diesen Bildschirmen und denkst, starrst, schreibst und liest, das kann nicht gut sein, auf die Dauer, tagsüber leere Worthülsen, Zahlen, ein paar belanglose Fakten, die sowieso keinen interessieren, alles ohne großen Sinn und später dann zuhause der große Literat, haha, immer auf der Suche, ja, wonach eigentlich? Das passte alles nicht zusammen. Du steckst zu tief in dir drin und noch tiefer in der Scheiße, dabei solltest du glücklich sein, zumindest, wenn die Tür aufgeht und das Paradies beginnt, hier in diesen jetzt so leeren und stillen Räumen, solltest du, ja, solltest du. Aber du bist es nicht. Weder glücklich, noch zufrieden. Er goss noch Wein in das leere Glas, einen billigen, schweren Rotwein, der langsam seine Gedanken vernebelte, jetzt noch ein Telefonat mit Liz und dann kommt die Nacht, einsam und allein wird sie sein, Träume stecken schon unter der Decke, im Kissen, in der Matratze, lass die Glotze aus, sagte er sich, lass sie bloß aus, sonst läuft das alles wieder nicht, sonst kommen sie wieder, kleine und große Monster und morgens dann herzzerreißende Schreie und erschrockene Gesichter. Und wer wird dann für dich da sein?
Gute Nacht Geschichte Langsam verschwindet der Schnee wieder aus der Stadt, der hatte hier sowieso nichts zu suchen, Schnee gehört hier einfach nicht hin. All die Stellen, an denen er vor Tagen so sanft und weich fiel, die harten Züge der Stadt ein wenig zarter erscheinen ließ und die dunklen Straßen und Wege mit seinem jungfräulichen Weiß bedeckte, liegen nun gelblich-braun beschmutzt in der Gegend herum. Menschen trampelten auf ihnen herum, Hunde hinterließen ihre vielfältigen Spuren, Autos spritzten dunklen Matsch auf die weiße Decke, wobei man von einer Schneedecke schon gar nicht mehr reden kann, es ist eher ein Schneemassaker, der arme Schnee, dabei kommt hier er doch so selten zu Besuch. Aber, hier gehört er nun einmal nicht hin. Soll er doch auf Felder fallen, die dort draußen ganz unberührt liegen, in der Mark oder meinetwegen auch gleich hinter der Stadtgrenze, soll er doch hohe Kiefern mit seinem zarten Weiß einkleiden und auch die Wege in der Schorfheide, dort wird er in Ruhe gelassen, weder Jubel noch Trubel herrschen, der richtige Platz für seine aufgezwungene Romantik, dort darf er fast unberührt herum liegen. Nein, die Stadt ist kein Ort für Schnee. Er weiß das wohl, darum verschwindet er, auch wenn es immer noch kalt ist und manchmal sogar sternenklar, er geht und was von ihm übrig bleibt, ist schmutziges Grau, Matsch gemischt mit Streusand und Kies, so bleibt zumindest noch das Knirschen unter den Schuhen, ein Geräusch, als liefe man durch frisch gefallenen Schnee. Während in der Nacht ein paar üble Monster durchs Gebälk stolzieren, einem den Atem und schließlich auch noch den Schlaf rauben, findet der Tag zwischen Excel-Tabellen und Reinhard Lakomy statt. Also nichts Bemerkenswertes und auch der zwischen Bürostuhl und Monitor eingeklemmte Kopf, dieser vermaledeite, sich dauernd verselbstständigende Denkapparat, dürfte nicht als besondere Sensation gelten. Was sind schon Sensationen? Das Dschungelcamp? Pah. Man tut was man kann. Hier an ein paar Schrauben drehen, dort ein paar Nägel reinhauen, Tasten tippen, dabei fällt mir ein, ich müsste noch dieses tun und jenes und dabei hatte ich doch vor, Liebste, was sagst du denn dazu, ach so, ja, schon eingeschlafen, dahin gerafft von all den Dingen, von all dem Müssen. Und jeden Abend dann, bevor Decken über müde Kinderleiber gedeckt werden und die stille Zeit des Tages beginnt, findet ein Realitätscheck statt, small talk zwischen „Wickie“ dem Wikingerjungen und Mimmelitt dem Stadtkaninchen. Am besten sind dann immer die Tage, an denen man sagen kann „Heute fand ich mal gar nichts doof, alles irgendwie toll.“, positive Energie bevor man sich nicht mehr wehren kann und die Augen zufallen. [Ein Käseblatt schreibt: "Eiskalt erschossen!" Ich hätte mir gewünscht, es hätte dort "Eiskalt umgelegt!" oder "Eiskalt umgenietet!" oder "Schwein knallt Mann eiskalt ab!" gestanden. Die Variationsmöglichkeiten sind natürlich beliebig erweiterbar, das nennt man wohl Ironie in der Boulevardpresse.]
Bestseller 2009? Finanzkrise für Dummies Dreht euch nicht um, der Plumpssack geht um und wer sich umsieht, bekommt einen Hieb. Eine übertriebene Selbstkritik. Bis vor einem knappen halben Jahr war ich naiv und dumm. Geld, meine Güte, ja, hat man welches, gibt man es aus, für notwendige oder weniger notwendige Dinge und wenn am Ende des Monats noch etwas übrig bleibt, packt man das auf ein Sparbuch bei der Stadtsparkasse und freut sich über drei Euro fünfzig Zinsen oder auch ein wenig mehr. So naiv und dumm, wie man eben ist, wenn Geld allein als lebensnotwendiges Übel angesehen wird und sonstige Werte mangels eben jenem weder erwirtschaftet noch ererbt werden konnten. Jedenfalls bis jetzt. Keine Immobilienparks, keine Aktienpakete, keine Staatsanleihen und auch keine Abschreibungen, ich hatte mal einen Bausparvertrag und auch ein kleines blaues Büchlein von der Bayerischen Vereinsbank, die mir immer sauber und gediegen vorkam. Uns geht es gut, wir sind naiv und dumm. Nichts wusste ich über Zertifikate, CDS, CDO (hier für Nicht-Dummies), faule Kredite und Lehman Brothers, diese wilde Welt der Hochfinanz und Spekulation. Die Liste der persönlichen Unwissenheit ist elendig lang und wird täglich länger, mit jeder Botschaft, die uns stetig einem wohl unvermeidlichen, tiefen Bruch mit all dem Bekannten und den lieb gewonnen Annehmlichkeiten näher bringt, glaubt man zumindest einigen Blogs, denen ich persönlich mehr Realismus zutraue, als anderen Medien. Schlimm. In der Dresdner Bank an der Ecke, in deren Vorhof zur Hölle ich regelmäßig meine schmale Brieftasche fülle, mit Beträgen, die sogenannte „gierige Manager“ zum Schmunzeln bringen dürften, aber auch nicht mehr lange, demnächst würde sich wohl der eine oder andere auch darüber freuen – in kleinen Münzen in einen kleinen Plastikbecher hinein geworfen, dazu unprofessionelles melancholisches Akkordeonspiel am Potsdamer Platz, an dem das für mich aussagekräftigste Symbol eines sich selbst zugrunde richtenden Wirtschaftssystem zu finden ist: Eine künstliche Hausfassade aus bedrucktem Stoff, die den Eindruck erzeugen soll, hier gäbe es keine Baulücken – in dieser Dresdner Bank also hängen unter der Überschrift „Aktuelle Börsenkurse“ die Aktienkurse vom 19.09.2008, vier Tage nach der Lehman-Pleite, mit einem DAX-Kurs knapp über 6.000 Punkten. Seit fast vier Monaten schon will man hier scheinbar nicht wahr haben, dass wohl kaum etwas tatsächlich so war, wie man selbst dachte, annahm, hoffte oder grob fahrlässig nicht wusste, dass in den vergangenen Jahren eine Parallelwelt entstanden ist, in der riesige Räder gefüllt mit Spekulation und einem unerschütterlichen Glauben ans Glück gedreht wurden, ein Welt, in der ein womöglich nicht ganz so schlechter Kapitalismus zu einer Religion mutierte und immer wieder fällt mir dabei ein, wie gern und abfällig zu Hause über „Mammon“ gesprochen wurde. Aber das waren ja auch alles Sozialisten. I, bäh, pfui Teufel. Doch es bleibt festzuhalten: Immer noch bin ich naiv und dumm. Manchmal, in weniger wachen Momenten, glaube ich nämlich, im tiefsten Inneren immer noch so eine Art Thälmann-Pionier zu sein, einer der glaubt, mit Spendensammlungen für die Erdbebenopfer in Armenien oder der regelmäßigen Verbringung von Glasflaschen zum Sero-Händler könne man sich eine kleine, heile Welt erhalten. Im tiefsten Inneren herrscht wohl immer noch diese grenzenlose, kindliche Naivität. Und je größer die Naivität, umso größer auch die Angst, vor dem Unbekannten, Angst vor dem dunklen Monster, das bald und aus welcher Ecke auch immer hervor springen wird, um einen auszuweiden und aufzufressen. Hoch hielt ich bisher die Fahne des Idealismus und irgendjemand sagt auch gerne leise: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Hoffen und Bangen zähle ich inzwischen zu Glaubensfragen, vielleicht mal bei der Dresdner Bank nachfragen, die mit den aktuellen Aktienkursen vom 19.09.2008, vielleicht können die mir ja Mut machen. [Weisheit des Tages: Schwarz sehen bringt auch kein Licht ins Dunkel.]
Frisch aus dem Stauraum gebloggt Neujahrsmorgen, halb vier vielleicht oder schon um vier, es ist kalt, nein, es ist eher bitterkalt, so dass man gerne sagen möchte „Verdammte Scheiße, ist das kalt.“ Und natürlich sagt man es auch. Hand in Hand durch leise vor sich hin rieselnde Eiskristalle gehen, das wird der ganze Pulverdampf sein, der sich jetzt langsam in den kommenden Morgen verzieht, an dem viele merken werden, dass auch ein frischer Rollmops kaum etwas gegen diese verdammten Kopfschmerzen ausrichten kann. Ab und zu hört man noch einen Knall und sieht ein Leuchten, trotzdem ist es ruhig, sehr ruhig, fast schon gespenstisch. Haben wir etwas getrunken? Zitternd und schwankend, aber nein, meine Liebste, kaum etwas bis gar nichts, nicht einmal diese riesige Flasche ist angebrochen worden, Sparsamkeit und Enthaltsamkeit wünschen wir uns für das neue Jahr, aber bitte, Liebste, nicht in jeder Hinsicht. Nein. Fast eingefrorenes Kichern, eine Zigarette, noch ein Bier und dann viel Schlaf. Schlaf. Damit fängt immer ein neues Jahr an. In der Zeit der Feiertage, davor, dazwischen und auch kurz danach, in der Zeit, die ich in einem Ansturm leiser Melancholie unter dem leuchtenden Weihnachtsbaum als schönste Zeit des Jahres bezeichnete, entstand, neben sehr vielen und angenehmen Dialogen, so mancher ausschweifender Monolog, allerdings bin ich ein fauler Mensch, viel zu bequem, einen Zettelkasten, ein Moleskine, ein sonstiges Irgendetwas mit meinen Gedanken zu belästigen, nun ja, vielleicht doch ab und zu, aber vieles geht dann eben doch verloren, so wie eben diese Monologe. In kalten Winternächten denkt man meist zurück und blickt nach vorn und bilanziert und auch weil dies alles wenig rosig anzuhören oder anzuschauen war und ist, ganz global gesehen, denn individuell gibt es doch noch hin und wieder ein wenig Glück und Lichtblicke, vergaß ich vieles, wenn nicht sogar alles. Nun ja, Spuren werden noch vorhanden sein. Das viele Gerede im Kopf, manchmal wird das auch zu viel. Man verwirrt sich selbst, dann schaltet man den Fernseher ein, um sich eine kleine Denkpause zu gönnen, aber nein, dieses Gerät bringt keine Linderung. Im Gegenteil. Was kommt ist merkbefreiter Brei, nicht mehr als das ameisenhafte Gewimmel schwarz-weißer Punkte, wenn man den Antennenstecker zieht und man weiß: Sinnlose Zeitverschwendung. Ich bin seit frühen Jahren ein Kistenmensch, wenn ich nicht vor dem Radio saß, hockte ich vor der Flimmerkiste, meine Oma tat das auch und meine Mutter und so auch ich, der Fernseher lag also in schon in meiner Wiege, gleich neben dem Bücherregal. Man darf dabei allerdings nicht vergessen, vor allem sage ich dies denjenigen, die gern und schnell zu reflexartiger Schubladisierung oft unbekannter Individuen neigen: Es gab auch Zeiten, in denen man das Flimmern unbeschadet genießen konnte. Gut dosiert und nicht alleine. Vorbei die Zeit. Gerade in der Weihnachtszeit, die früher (früher!) doch immer mit verschiedenen Wunderbarkeiten überladen war, aber. Heute nicht mehr. Ab und zu ein altes Defa-Märchen oder eines aus der Tschechoslowakei (die gab es wirklich mal), vielleicht noch ein wenig Sport, der Rest kann abgeschaltet werden, es gibt auch gute Brettspiele. Trotzdem auf der Couch liegen und warten. Von der Festplatte läuft „Kill Bill“, Tarantino, ach ja, vor allem der Soundtrack, später noch eine Doku über das Star sein und so, Udo Lindenberg anno 1976, die bekifften Beatles, Amanda Lear und MIT, für die neue Generation, die den WDR sowieso nicht mehr schauen. MIT gefallen mir. Danach Winnetou und Old Shatterhand, gegen halb vier, warum das nun nachts gezeigt wird, anstatt nachmittags, wer soll das schon wissen. Oder verstehen. Allerdings, ich bin kein Reich-Ranicki. Jahresrückblicke erspare ich mir, das langweilt, nervt, das gibt es doch überall und das olle Jahr ist sowieso vorbei. Der Rest steht in den Sternen und die sollen in diesem Jahr nicht schlecht für Bufflönner stehen, vielleicht legte man mir aber auch nur eine geschönte Auswahl vor, um meine Nerven zu schonen und eine positive Grundstimmung zu erzeugen, wer weiß das schon. Ein Bild überraschte mich allerdings, in einem nachsilvesterlichen Traum: Ich, in einem Garten auf einem bequemen Sitzmöbel sitzend, die Sonne geht langsam unter und ich lege die Beine hoch und lese in einem kleinen weißen Büchlein, mein Lieblings-Benn, wie ich vermute. Schöne Aussichten, wenn das wahr wird. [Allen, die sich bis hier hinab gearbeitet haben, wünsche ich ein gutes neues Jahr. Den anderen auch.]
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![]() (geborgt bei flickr)
Online seit: 08.02.2006
Letzte Aktualisierung: 03.06.2024, 07:57 Links: ... Home ... Blogrolle (in progress) ... Themen ... Impressum ... Sammlerstücke ... Metametameta ... Blogger.de ... Spenden Archiviertes:
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