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Alle Jahre wieder Weihnachtszeit, man hat Jahresabschiedsgedanken. Ende, Gelände. Gutes Beispiel für dämliche Verdichtung. Finde ich. Trotzdem neigt sich einiges, auch dem Ende entgegen, der Anfang steht aber schon vor der Tür. Man wird sich dann zusammensetzen und es ehrlich meinen oder aber auch nur so tun als ob. Hey, rief ich letztens noch durch die vorweihnachtlichen Hallen, wo bleibt denn nun die Altersmilde, die vielversprochene Güte in der dunkelsten Jahreszeit? Vielleicht wird auch viel zu viel erwartet. Auch die versprochene Weihnachtsfeier fiel aus. Dafür entfernten in Signalfarben gehüllte Männer mit Kapuzen auf dem Kopf die letzten Reste des nun vergangenen Herbstes, machten die Straße hübsch für den Einzug des Winters, für den dunkelsten und kürzesten Tag des Jahres, das Tal der Täler, jetzt geht es wieder aufwärts. Hofft man. ![]() Ein stürmisches Jahr geht nun vorbei, man wird ihm wohl keine Träne hinterher weinen und das Internet ist natürlich der Meinung: Es kann noch schlimmer kommen. Natürlich nicht bei mir. Oder dir. An dieser Stelle dachte ich auch, dass wahrer Wohlstand nur bedeuten kann, warme Füße zu haben und ein gutes Buch in der Hand, dazu vielleicht der eine oder andere Leckerbissen zwischen den Kiemen, ein Käsebrot oder was sonst noch da ist und wenn es einem ganz, ganz schlecht geht, singt man „Ein bisschen Frieden“ und alles wird gut. Vielleicht. In diesem Sinne: Feiern Sie gut und rutschen Sie rein, ohne Hals- und ohne Beinbruch, gehaben Sie sich wohl und im nächsten Jahr bitte mehr Kommentare. Danke. [Auch wieder ein Jahr, in dem es viele erste Male gab, also ist man selbst noch lange nicht am Ende, allerdings spielt man nun in der sogenannten Erwachsenenliga, denn es waren schwerwiegende Entscheidungen zu treffen und man stand kurz vor einem Magengeschwür. Nun, da diese Gefahr vorerst gebannt scheint, kann der Bauch ordentlich mit Gans gestopft werden, auch um im nächsten Jahr ein sogenanntes Fitnessprogramm absolvieren zu dürfen. Frohes Fest.]
Tausend Krähen über dem Hackeschen Markt Es gibt nur noch Grau. Grau und dann die Dunkelheit. Man geht aus dem Haus, es ist noch Nacht, jedenfalls fühlt es sich so an, denn es ist stockdunkel und kalt, vielleicht nieselt es auch, manchmal fällt sogar ein wenig Schnee in winzig kleinen Flöckchen und die allgegenwärtigen Straßenlaternen weisen einem den Weg, in gedämpftem, orangefarbenem Licht, diffus und möglicherweise auch die Augen schonend, trotzdem wird man ein entscheidendes Gefühl nicht los: Hier liegt die Welt am Boden. Es wird einfach nicht mehr hell. Der Sonnenaufgang ist nur angedeutet, na klar, sagt man sich, es ist jetzt schon acht oder halb neun und es ist natürlich heller als um sechs oder halb sieben, und doch befindet man sich den ganzen Tag in einer Art grauem Loch, der tristen Vorstufe eines sogenannten Schwarzen Lochs, dem Loch aller Löcher, dem absoluten Abgrund. Natürlich ist das nur ein Gefühl, aber ein sehr reales, vor allem wenn man müde aus dem Fenster einer Straßenbahn auf die vielen vorbei ziehenden Baustellen schaut, auf denen dick eingepackte Arbeiter noch emsig arbeiten, bevor Väterchen Frost einen kalten Gruß aus dem Osten herüber schicken wird. Bilder ziehen vorbei und Gedanken bohren an der Schädeldecke. Von innen. Du, wollte ich sagen, aber da waren wir schon eingeschlafen, also sagte ich es dir im Traum, der dann auch irgendwie abglitt, in diese Untiefen der hyperromantischen Liebesträume, in denen immer alles gut ist, in denen immer die richtige Musik zum richtigen Zeitpunkt spielt und immer die richtigen Menschen am richtigen Fleck sind. So träumte man wohl schon immer vom Paradies. Also murmelte ich nur vor mich hin, während die reale Welt hinfort dämmerte, natürlich lief noch der Fernseher, denn zum Lesen waren die Augen längst schon zu schwach und der Kopf schon zu voll, eine Hintergrundsprecherin sagte noch etwas über die Menschen auf einer Tattoo-Convention, schöne und weniger schöne Menschen ließen ihre empfindliche Haut zerstechen und mit Farbpigmenten füllen, der eine so, die andere so, das ist natürlich unglaublich langweilig und deshalb auch kein Wunder, dass wir beide eindösten, in unserer übermüden Friedlichkeit. Was am Ende des Tages bleibt, sind ein paar Zeilen, aber wenig Zeit. Niemand will sich darüber beschweren, doch die A. beschwerte sich jüngst über einen Mangel an Zeit, aber irgendwie auch am Thema vorbei, denn es ist nun einmal so, dass der durchschnittliche Mensch nicht stundenlang aus dem Fenster schaut oder besser noch in die Fernsehröhre, sondern irgendwie unsinnige Tätigkeiten für eine finanzielle Entlohnung übernimmt, die ihm sein Leben absichert. Mehr oder weniger. Nicht jeder schafft das. Deswegen sollte man sich auch nicht beschweren, schon gar nicht die A., aber nun gut, es wird einem auch schnell etwas unterstellt. Keine Zeit also, aber ein paar Zeilen bleiben, auch wenn sie nur ein Konzentrat sind, eine zusammen gestauchte Beobachtung, die Kurzfassung von dem, was man für sein Leben hält.
Mann|Kind Der Mann selbst ist am liebsten Kind, darum nimmt er selbiges auch gern an die Hand und sagt bisweilen etwas nettes. Dann fahren sie Straßenbahn, weil Straßenbahnen nicht auf der Tagesordnung stehen, obwohl sie direkt an der Wohnung vorbei rumpeln, in greifbarer Nähe. Na gut, man muss schon ein Stückchen gehen. Das Kind fragt den Mann, wohin er fahren wolle und tut dann so, als würde er genau dorthin fahren, lenkt am Lenkrad, was bei Straßenbahnen nicht unbedingt notwendig erscheint, gibt dann Gas, ab und zu ist etwas geil oder krass, Schulgeflüster beeinflusst Kindergartengeschrei, Sprachentwicklung, vielleicht sollte mal ein Sprachstandstest gemacht werden? Denkt der Mann und muss lachen. Herzhaft, natürlich und übertönt mit dem Gelächter den mild-sauren Kotzegeruch, der unter seinen Beinen hervor quillt und brüllend stinkt. Abartig. So ist das in der Großstadt, jeden Tag saufen sie zuviel und kotzen dann in die Straßenbahn oder die S-Bahn, um alle anderen zu belästigen, nur nicht sich selbst, man merkt ja dann nichts mehr. Komm, wir laufen das letzte Stück, sagt der Mann zu dem Kind und bleibt nach ungefähr hundert Metern stehen, an einer Baustelle, auf der sich ein Bagger gerade in ein Loch hinein baggert, buddelt, dieses langsam in den aufgeweichten Boden frisst, ganz behutsam und doch voller Kraft, der Motor röhrt nicht, wie der Mann es von dem Bagger erwartet hatte, es brummt gemächlich, wie der Baggerfahrer selbst, mit bartbedecktem Gesicht, brummig, bärig, behutsam. Schau doch nur, sagt der Mann und wird zum Kind, hockt sich neben das seinige, dessen Augen auch irgendwie anfangen zu leuchten, er legt den linken Arm um das Kind, schau doch nur, sagt er noch einmal und will nicht mehr gehen. Schnee hatte am Morgen alles sanft mit Weiß eingedeckt und die Schuhe sind beim Gehen schnell nass geworden, es ist kalt, sagt das Kind, ich will nach Hause, aber das Mann-Kind will natürlich noch bleiben, ich will aber nicht nach Hause, sagt es. Trotzig. Es kommen noch zwei große Selbstlader und beladen sich auch selbst, man braucht nur noch vier Leute, um auf einer Baustelle zu bauen, einer würde auch reichen, denkt das Mann-Kind, einer der baggert, auflädt, wegfährt und wiederkommt, um ein Schild anzubringen: Vorsicht, Baustelle. Kind und Mann gehen dann weiter, denn es ist kalt und der Schnee hatte alles sanft in Weiß eingedeckt und die Kälte kriecht nun durch Handschuhe, Mütze, Hose, Schuhe, mitten auf die nackte Haut, die sich mit einer pickeligen Gänsehaut schützt.
Berliner Weihnachtsmann Im dunklen, grauen Morgengrauen, das seiner schwermütigen Betonung auf Grauen alle Ehre machte und auch wunderbar den derzeitigen Gemütszustand des Herrn S. widerspiegelte, schlurfte jemand die Oranienburger Straße entlang, den Herr S. auf den ersten Blick für einen ganz normalen Penner hielt, der aber dann, auf den zweiten Blick, als ein alter, abgefuckter Weihnachtsmann zu erkennen war. Der Berliner Weihnachtsmann. Er saß nicht stolz auf einem in coca-cola-rot geschmückten Rennschlitten, durch die kalte, klare Nacht rasend, gezogen von starken, schönen Rentieren, während im Hintergrund lustig leichter Schnee rieselte, er hatte auch keinen coca-cola-roten Mantel an, frisch gebügelt und gestärkt, ohne Löcher, ohne Makel, um erwartungsvolle Kinderherzen zu erfreuen und Erwachsenen das Gefühl zu geben, die Welt, in der sie leben, sei an dieser oder jener Stelle vielleicht doch noch ein wenig heil. Nein, der Berliner Weihnachtsmann ist ein abgefuckter, alter Penner, dessen Bart vom vielen Nikotin dunkelgelb verfärbt ist und dessen Mund übelsten, glühweinroten Gestank verströmt, ein Gestank, der jedem Gegenüber sofort den Atem und dazu noch jegliche Hoffnung auf ein besseres Leben nimmt. Ungewaschen und besoffen kam er also im morgendlichen Grauen daher, den Sack prall gefüllt, mit alten Klamotten, die er aus einem der vielen aufgebrochenen Altkleidercontainer mitgenommen hatte, Geschenke für die Freunde, die mit müden, versoffenen Augen im Imbiss an der Friedrichstraße hocken oder am Kudamm oder in irgendeiner abgefuckten Dönerbude dieser kalten, einsamen Stadt, die irgendwie zu erhellen er hoffte, um die alten, abgefuckten Typen herauszureißen aus Lethargie, Elend und Langeweile. Lediglich ein melancholisch vor sich hin klingendes Glöckchen ließ Herrn S. erahnen, was für ein Typ hier die nasse, kalte Straße entlang stiefelte, eben kein ganz normaler Penner, sondern der Berliner Weihnachtsmann, der mit jedem müden Schritt eine traurige Melodie erklingen ließ, die sich anhörte wie eine Mischung aus „Kling, Glöckchen, kling“, „Jingle Bells“ und einer billigen Coverversion des amerikanischen Weihnachtshits „White Christmas“, vorgespielt in einer der vielen bunten Werberadiostationen der Stadt, die mit Gewinnchancen und anderen Lügen um Hörer bettelten, und der Herrn S. mit glühweinhaltigem Atem und glasigen Augen schon jetzt eine fröhliche Weihnacht wünschte. Dann begann es zu schneien.
1036 Akku leer.
Dörflichkeiten Über die Sinnlosigkeit monotoner Autobahnfahrten muss man nicht mehr fabulieren, auch nicht über die Unfähigkeit mancher Zeitgenossen, die eigene Freiheit mit der Freiheit anderer in Einklang zu bringen, so mancher brüllt wohl hinterm Steuerrad: Jedem seine eigene Autobahn! und drückt dann noch einmal so richtig auf die Tube, ja, ja, Sprit wird auch wieder billiger und andere Menschen ertragen zu müssen ist eben nicht so einfach. Manchmal wäre auch ich gern ein autistischer Einsiedlerkrebs. Die Berge. Zwischen dunkelblauen Bergen schieben sich dunkelblaue Wolken, ab und zu sieht man noch ein paar kleine Schneehaufen, dreckig, grau, erbärmlich, aber keine Angst, der Winter wird noch kommen, Fuchs und Hase hatten sich erst gestern noch darüber unterhalten, bevor sie sich eine gute Nacht wünschten. Es wird wohl ein tiefer, stahlharter Winter, große Verluste sehen viele für das nächste Jahr voraus, Fuchs und Hase wirkten ein wenig ratlos und klapperten mit den Zähnen. Das Dorf. Man kann das natürlich auch unter Erholung vom Großstadtleben verbuchen, denn tatsächlich ist man ja doch der überhebliche und großkotzige Icke und versucht irgendwie, weil ja das Leben in der Großstadt so ungemein gefährlich ist, gerade in Berlin, und täglich tiefste Untiefen zu meistern sind, vor allem zwischenmenschliche, auf die anderen, die aus der Provinz, die ihr Leben hier genauso leben, mit allem Drum und Dran, herab zu schauen, was natürlich überhaupt nicht gelingt, denn die Unterschiede sind doch nur oberflächlich, hinter der Fassade sind wir alle gleich. Und so erholt man sich von sich selbst und seiner Berliner Großschnauze, während ein Spielmannszug paukt und trompetet, schaut gut hin und hört fein zu, so etwas gibt es bei uns doch gar nicht mehr, Traditionen erodieren in der Großstadt, zerbröseln in viele Einzelteile und gehen für immer verloren, schade. Zeit ist Gnade, steht auf der Kirchturmuhr, aber wirkliche Gnade kennt sie nicht, sie lässt sich eben nicht aufhalten, sie vergeht einfach. Deswegen ist man auch schnell wieder weg, genauso schnell wie man kam, alles verschwimmt im Nebel, der gespenstisch vom Hochwald ins Tal herunter zieht, Sterne, Lichter, Asphalt und irgendwann auch wieder das Licht der großen Stadt, um halb vier ist die Sonne weg, müde legt man sich auf sein Lager und denkt zurück, an das was war und schaut nach vorn, auf das, was kommt.
Ich muss das nicht hören, es reicht aus, wenn ich darüber lese 1. Ein regelmäßiger Boxenstopp des Schlagzeugs ist unvermeidlich. 2. Uns doch egal, dass für fünfzehn Millionen Dollar auch die Berliner Philharmoniker gegeigt hätten, wir nehmen die Bontempi-Orgel von Axls Tante. 3. Und immer wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo noch ein Gitarrensolo her. Die entscheidende Frage aber lautet: Ist das jetzt der Refrain? Neues Album von Guns N' Roses - Vom Axl des Bösen [Ich habe Guns N' Roses nie gemocht, sollte ich die mal hören, denke ich immer an diesen schlecht rasierten Typen in Radlerhose, Lederjacke, einem roten Tuch auf dem Kopf und einer sägenhaften Stimme, die sich schnell anschickt, meine Gehörgänge in kleinste Einzelteile zu zerlegen.]
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Letzte Aktualisierung: 03.06.2024, 07:57 Links: ... Home ... Blogrolle (in progress) ... Themen ... Impressum ... Sammlerstücke ... Metametameta ... Blogger.de ... Spenden Archiviertes:
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