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Bittersweet

JJ, dachte Win, den werde ich anrufen, da geht noch was.

„Hey, ich glaube, du hast nen riesiges Problem.“ sagte JJ kurz bevor das Gespräch mit Win beendet war. Er hat recht, dachte Win, ja, hat er. Es ist ja nicht nur so, dass dieses sinnlose Abgehänge hier absolut nervtötend ist, nein, das alles bringt einen an den Rande des Verstandes. Und darüber hinaus. Es fühlte sich an wie ein Gemisch aus heißem Kleber und weißer Watte. Der Boden von heißem Kleber bedeckt, gerade noch so weich, dass man die Füße ganz leicht in die knöcheltiefe Suppe hinein bekommt, aber nicht mehr hinaus. Nie wieder. Das Zeug klebt fest und ist dabei immer noch irgendwie elastisch, man kämpft und kämpft, kommt aber keinen Schritt vorwärts, überhaupt kommt man nicht mehr von der Stelle, ist gefangen, in Zeit und Raum und irgendwann verharrt man in Bewegungslosigkeit oder verfällt in Panik, Angst und dann greift der Fluchtreflex, Panik und Fluchtreflex und nicht mehr wegkommen, Stillstand. Und während die Füße im klebrigen Sumpf der Perspektivlosigkeit versinken, steckt der Kopf in einer dicken Watteschicht, man ist blind und taub und verliert jeglichen Kontakt zur realen Welt, alles verschwimmt, verschwindet hinter milchig-weißen Fasern, es gibt kein „da draußen“ mehr, nur noch den Wattekokon, ein weiches Verließ, bittersüß und ohne Ausweg, man ist eingesponnen, gefangen genommen, wird gnadenlos gefoltert und am Ende, ja, am Ende sterben erst die am Boden festgeklebten Beine und später dann der wattierte Kopf ab und man selbst verschwindet in der letzten Sekunde im Nichts. Es stimmte, Win hatte ganz offensichtlich ein riesiges Problem.

Irgendwann machte sich Win aus dem Staub, eine Flucht nach vorn, dachte er sich, nur weg von diesem verwunschenen Ort, dieser Hölle auf Erden. Draußen wehte ihm kalter Wind ins Gesicht, vermischt mit dichtem Nieselregen, sofort überkam ihn das Gefühl, am Leben zu sein und er öffnete die Knöpfe an der Kragenleiste seines Mantels, um noch mehr Kälte an den gefühllosen Körper zu lassen, Kälte, die diesem wieder Leben einhauchen sollte, die ihn spüren ließ, das noch nicht alles verloren war, dass er das Schattenreich immer noch rechtzeitig verlassen konnte. Die Wohnung war ruhig und verlassen. Liz war nicht da, noch unterwegs, ach nein, fiel es ihm ein, sie kam erstmal gar nicht wieder, unterwegs mit den Kids und er war auf sich allein gestellt, ganz allein, Einsamkeit, Stille. Kein Problem für ihn, er fühlte sich wohl, allein, in der kalten, verlassenen Wohnung, ohne Stimmen, ohne Radio, ohne Gewusel, das um ihn herum passierte, nur er, der dann gerne eine Stunde regungslos im Sessel saß und die Kronen der Bäume vor dem Fenster betrachtete. Nur diesmal nicht. Ein kaltes Zittern durchlief seinen angespannten Körper, er sehnte sich nach Gemeinsamkeit, nach Leben, nach Gewusel und Krach, warum gerade heute, fragte er, aber so ist das immer, wenn man auf dem Weg nach unten ist, ja, dann geht gar nichts mehr, dann kann auch keiner mehr helfen, man war auf sich selbst gestellt, musste da irgendwie durch, durch diese dunklen Gedankenwelten, Phantasien und Realitäten, ganz allein, so war das schon immer in seinem Leben. Egal, dachte er dann und ließ sich erst einmal eine Badewanne ein.

Später dann saß Win vor dem leeren Bildschirm seines Notebooks und dachte nach. Meine Güte, du bist wahrscheinlich verstrahlt, dachte er sich, seit Jahren sitzt du Stunden, Tage, Wochen vor diesen Bildschirmen und denkst, starrst, schreibst und liest, das kann nicht gut sein, auf die Dauer, tagsüber leere Worthülsen, Zahlen, ein paar belanglose Fakten, die sowieso keinen interessieren, alles ohne großen Sinn und später dann zuhause der große Literat, haha, immer auf der Suche, ja, wonach eigentlich? Das passte alles nicht zusammen. Du steckst zu tief in dir drin und noch tiefer in der Scheiße, dabei solltest du glücklich sein, zumindest, wenn die Tür aufgeht und das Paradies beginnt, hier in diesen jetzt so leeren und stillen Räumen, solltest du, ja, solltest du. Aber du bist es nicht. Weder glücklich, noch zufrieden. Er goss noch Wein in das leere Glas, einen billigen, schweren Rotwein, der langsam seine Gedanken vernebelte, jetzt noch ein Telefonat mit Liz und dann kommt die Nacht, einsam und allein wird sie sein, Träume stecken schon unter der Decke, im Kissen, in der Matratze, lass die Glotze aus, sagte er sich, lass sie bloß aus, sonst läuft das alles wieder nicht, sonst kommen sie wieder, kleine und große Monster und morgens dann herzzerreißende Schreie und erschrockene Gesichter. Und wer wird dann für dich da sein?
 
Fr, 16.01.2009 |  # | (2317) | 3 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Schreib mal wieder



 

Gute Nacht Geschichte

Langsam verschwindet der Schnee wieder aus der Stadt, der hatte hier sowieso nichts zu suchen, Schnee gehört hier einfach nicht hin. All die Stellen, an denen er vor Tagen so sanft und weich fiel, die harten Züge der Stadt ein wenig zarter erscheinen ließ und die dunklen Straßen und Wege mit seinem jungfräulichen Weiß bedeckte, liegen nun gelblich-braun beschmutzt in der Gegend herum. Menschen trampelten auf ihnen herum, Hunde hinterließen ihre vielfältigen Spuren, Autos spritzten dunklen Matsch auf die weiße Decke, wobei man von einer Schneedecke schon gar nicht mehr reden kann, es ist eher ein Schneemassaker, der arme Schnee, dabei kommt hier er doch so selten zu Besuch. Aber, hier gehört er nun einmal nicht hin. Soll er doch auf Felder fallen, die dort draußen ganz unberührt liegen, in der Mark oder meinetwegen auch gleich hinter der Stadtgrenze, soll er doch hohe Kiefern mit seinem zarten Weiß einkleiden und auch die Wege in der Schorfheide, dort wird er in Ruhe gelassen, weder Jubel noch Trubel herrschen, der richtige Platz für seine aufgezwungene Romantik, dort darf er fast unberührt herum liegen. Nein, die Stadt ist kein Ort für Schnee. Er weiß das wohl, darum verschwindet er, auch wenn es immer noch kalt ist und manchmal sogar sternenklar, er geht und was von ihm übrig bleibt, ist schmutziges Grau, Matsch gemischt mit Streusand und Kies, so bleibt zumindest noch das Knirschen unter den Schuhen, ein Geräusch, als liefe man durch frisch gefallenen Schnee.

Während in der Nacht ein paar üble Monster durchs Gebälk stolzieren, einem den Atem und schließlich auch noch den Schlaf rauben, findet der Tag zwischen Excel-Tabellen und Reinhard Lakomy statt. Also nichts Bemerkenswertes und auch der zwischen Bürostuhl und Monitor eingeklemmte Kopf, dieser vermaledeite, sich dauernd verselbstständigende Denkapparat, dürfte nicht als besondere Sensation gelten. Was sind schon Sensationen? Das Dschungelcamp? Pah. Man tut was man kann. Hier an ein paar Schrauben drehen, dort ein paar Nägel reinhauen, Tasten tippen, dabei fällt mir ein, ich müsste noch dieses tun und jenes und dabei hatte ich doch vor, Liebste, was sagst du denn dazu, ach so, ja, schon eingeschlafen, dahin gerafft von all den Dingen, von all dem Müssen. Und jeden Abend dann, bevor Decken über müde Kinderleiber gedeckt werden und die stille Zeit des Tages beginnt, findet ein Realitätscheck statt, small talk zwischen „Wickie“ dem Wikingerjungen und Mimmelitt dem Stadtkaninchen. Am besten sind dann immer die Tage, an denen man sagen kann „Heute fand ich mal gar nichts doof, alles irgendwie toll.“, positive Energie bevor man sich nicht mehr wehren kann und die Augen zufallen.

[Ein Käseblatt schreibt: "Eiskalt erschossen!" Ich hätte mir gewünscht, es hätte dort "Eiskalt umgelegt!" oder "Eiskalt umgenietet!" oder "Schwein knallt Mann eiskalt ab!" gestanden. Die Variationsmöglichkeiten sind natürlich beliebig erweiterbar, das nennt man wohl Ironie in der Boulevardpresse.]
 
Mi, 14.01.2009 |  # | (1016) | 4 K | Ihr Kommentar | abgelegt: reality blogging



 

Bestseller 2009? Finanzkrise für Dummies

Dreht euch nicht um, der Plumpssack geht um und wer sich umsieht, bekommt einen Hieb. Eine übertriebene Selbstkritik.

Bis vor einem knappen halben Jahr war ich naiv und dumm. Geld, meine Güte, ja, hat man welches, gibt man es aus, für notwendige oder weniger notwendige Dinge und wenn am Ende des Monats noch etwas übrig bleibt, packt man das auf ein Sparbuch bei der Stadtsparkasse und freut sich über drei Euro fünfzig Zinsen oder auch ein wenig mehr. So naiv und dumm, wie man eben ist, wenn Geld allein als lebensnotwendiges Übel angesehen wird und sonstige Werte mangels eben jenem weder erwirtschaftet noch ererbt werden konnten. Jedenfalls bis jetzt. Keine Immobilienparks, keine Aktienpakete, keine Staatsanleihen und auch keine Abschreibungen, ich hatte mal einen Bausparvertrag und auch ein kleines blaues Büchlein von der Bayerischen Vereinsbank, die mir immer sauber und gediegen vorkam. Uns geht es gut, wir sind naiv und dumm.

Nichts wusste ich über Zertifikate, CDS, CDO (hier für Nicht-Dummies), faule Kredite und Lehman Brothers, diese wilde Welt der Hochfinanz und Spekulation. Die Liste der persönlichen Unwissenheit ist elendig lang und wird täglich länger, mit jeder Botschaft, die uns stetig einem wohl unvermeidlichen, tiefen Bruch mit all dem Bekannten und den lieb gewonnen Annehmlichkeiten näher bringt, glaubt man zumindest einigen Blogs, denen ich persönlich mehr Realismus zutraue, als anderen Medien. Schlimm.

In der Dresdner Bank an der Ecke, in deren Vorhof zur Hölle ich regelmäßig meine schmale Brieftasche fülle, mit Beträgen, die sogenannte „gierige Manager“ zum Schmunzeln bringen dürften, aber auch nicht mehr lange, demnächst würde sich wohl der eine oder andere auch darüber freuen – in kleinen Münzen in einen kleinen Plastikbecher hinein geworfen, dazu unprofessionelles melancholisches Akkordeonspiel am Potsdamer Platz, an dem das für mich aussagekräftigste Symbol eines sich selbst zugrunde richtenden Wirtschaftssystem zu finden ist: Eine künstliche Hausfassade aus bedrucktem Stoff, die den Eindruck erzeugen soll, hier gäbe es keine Baulücken – in dieser Dresdner Bank also hängen unter der Überschrift „Aktuelle Börsenkurse“ die Aktienkurse vom 19.09.2008, vier Tage nach der Lehman-Pleite, mit einem DAX-Kurs knapp über 6.000 Punkten. Seit fast vier Monaten schon will man hier scheinbar nicht wahr haben, dass wohl kaum etwas tatsächlich so war, wie man selbst dachte, annahm, hoffte oder grob fahrlässig nicht wusste, dass in den vergangenen Jahren eine Parallelwelt entstanden ist, in der riesige Räder gefüllt mit Spekulation und einem unerschütterlichen Glauben ans Glück gedreht wurden, ein Welt, in der ein womöglich nicht ganz so schlechter Kapitalismus zu einer Religion mutierte und immer wieder fällt mir dabei ein, wie gern und abfällig zu Hause über „Mammon“ gesprochen wurde. Aber das waren ja auch alles Sozialisten. I, bäh, pfui Teufel.

Doch es bleibt festzuhalten: Immer noch bin ich naiv und dumm. Manchmal, in weniger wachen Momenten, glaube ich nämlich, im tiefsten Inneren immer noch so eine Art Thälmann-Pionier zu sein, einer der glaubt, mit Spendensammlungen für die Erdbebenopfer in Armenien oder der regelmäßigen Verbringung von Glasflaschen zum Sero-Händler könne man sich eine kleine, heile Welt erhalten. Im tiefsten Inneren herrscht wohl immer noch diese grenzenlose, kindliche Naivität. Und je größer die Naivität, umso größer auch die Angst, vor dem Unbekannten, Angst vor dem dunklen Monster, das bald und aus welcher Ecke auch immer hervor springen wird, um einen auszuweiden und aufzufressen. Hoch hielt ich bisher die Fahne des Idealismus und irgendjemand sagt auch gerne leise: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Hoffen und Bangen zähle ich inzwischen zu Glaubensfragen, vielleicht mal bei der Dresdner Bank nachfragen, die mit den aktuellen Aktienkursen vom 19.09.2008, vielleicht können die mir ja Mut machen.

[Weisheit des Tages: Schwarz sehen bringt auch kein Licht ins Dunkel.]
 
Fr, 09.01.2009 |  # | (1033) | 3 K | Ihr Kommentar | abgelegt: verstaendnisuebung



 

Frisch aus dem Stauraum gebloggt

Neujahrsmorgen, halb vier vielleicht oder schon um vier, es ist kalt, nein, es ist eher bitterkalt, so dass man gerne sagen möchte „Verdammte Scheiße, ist das kalt.“ Und natürlich sagt man es auch. Hand in Hand durch leise vor sich hin rieselnde Eiskristalle gehen, das wird der ganze Pulverdampf sein, der sich jetzt langsam in den kommenden Morgen verzieht, an dem viele merken werden, dass auch ein frischer Rollmops kaum etwas gegen diese verdammten Kopfschmerzen ausrichten kann. Ab und zu hört man noch einen Knall und sieht ein Leuchten, trotzdem ist es ruhig, sehr ruhig, fast schon gespenstisch. Haben wir etwas getrunken? Zitternd und schwankend, aber nein, meine Liebste, kaum etwas bis gar nichts, nicht einmal diese riesige Flasche ist angebrochen worden, Sparsamkeit und Enthaltsamkeit wünschen wir uns für das neue Jahr, aber bitte, Liebste, nicht in jeder Hinsicht. Nein. Fast eingefrorenes Kichern, eine Zigarette, noch ein Bier und dann viel Schlaf. Schlaf. Damit fängt immer ein neues Jahr an.

In der Zeit der Feiertage, davor, dazwischen und auch kurz danach, in der Zeit, die ich in einem Ansturm leiser Melancholie unter dem leuchtenden Weihnachtsbaum als schönste Zeit des Jahres bezeichnete, entstand, neben sehr vielen und angenehmen Dialogen, so mancher ausschweifender Monolog, allerdings bin ich ein fauler Mensch, viel zu bequem, einen Zettelkasten, ein Moleskine, ein sonstiges Irgendetwas mit meinen Gedanken zu belästigen, nun ja, vielleicht doch ab und zu, aber vieles geht dann eben doch verloren, so wie eben diese Monologe. In kalten Winternächten denkt man meist zurück und blickt nach vorn und bilanziert und auch weil dies alles wenig rosig anzuhören oder anzuschauen war und ist, ganz global gesehen, denn individuell gibt es doch noch hin und wieder ein wenig Glück und Lichtblicke, vergaß ich vieles, wenn nicht sogar alles. Nun ja, Spuren werden noch vorhanden sein.

Das viele Gerede im Kopf, manchmal wird das auch zu viel. Man verwirrt sich selbst, dann schaltet man den Fernseher ein, um sich eine kleine Denkpause zu gönnen, aber nein, dieses Gerät bringt keine Linderung. Im Gegenteil. Was kommt ist merkbefreiter Brei, nicht mehr als das ameisenhafte Gewimmel schwarz-weißer Punkte, wenn man den Antennenstecker zieht und man weiß: Sinnlose Zeitverschwendung. Ich bin seit frühen Jahren ein Kistenmensch, wenn ich nicht vor dem Radio saß, hockte ich vor der Flimmerkiste, meine Oma tat das auch und meine Mutter und so auch ich, der Fernseher lag also in schon in meiner Wiege, gleich neben dem Bücherregal. Man darf dabei allerdings nicht vergessen, vor allem sage ich dies denjenigen, die gern und schnell zu reflexartiger Schubladisierung oft unbekannter Individuen neigen: Es gab auch Zeiten, in denen man das Flimmern unbeschadet genießen konnte. Gut dosiert und nicht alleine. Vorbei die Zeit. Gerade in der Weihnachtszeit, die früher (früher!) doch immer mit verschiedenen Wunderbarkeiten überladen war, aber. Heute nicht mehr. Ab und zu ein altes Defa-Märchen oder eines aus der Tschechoslowakei (die gab es wirklich mal), vielleicht noch ein wenig Sport, der Rest kann abgeschaltet werden, es gibt auch gute Brettspiele. Trotzdem auf der Couch liegen und warten. Von der Festplatte läuft „Kill Bill“, Tarantino, ach ja, vor allem der Soundtrack, später noch eine Doku über das Star sein und so, Udo Lindenberg anno 1976, die bekifften Beatles, Amanda Lear und MIT, für die neue Generation, die den WDR sowieso nicht mehr schauen. MIT gefallen mir. Danach Winnetou und Old Shatterhand, gegen halb vier, warum das nun nachts gezeigt wird, anstatt nachmittags, wer soll das schon wissen. Oder verstehen. Allerdings, ich bin kein Reich-Ranicki.

Jahresrückblicke erspare ich mir, das langweilt, nervt, das gibt es doch überall und das olle Jahr ist sowieso vorbei. Der Rest steht in den Sternen und die sollen in diesem Jahr nicht schlecht für Bufflönner stehen, vielleicht legte man mir aber auch nur eine geschönte Auswahl vor, um meine Nerven zu schonen und eine positive Grundstimmung zu erzeugen, wer weiß das schon. Ein Bild überraschte mich allerdings, in einem nachsilvesterlichen Traum: Ich, in einem Garten auf einem bequemen Sitzmöbel sitzend, die Sonne geht langsam unter und ich lege die Beine hoch und lese in einem kleinen weißen Büchlein, mein Lieblings-Benn, wie ich vermute. Schöne Aussichten, wenn das wahr wird.

[Allen, die sich bis hier hinab gearbeitet haben, wünsche ich ein gutes neues Jahr. Den anderen auch.]
 
Do, 08.01.2009 |  # | (601) | 6 K | Ihr Kommentar | abgelegt: reality blogging



 

Alle Jahre wieder

Weihnachtszeit, man hat Jahresabschiedsgedanken.

Ende, Gelände. Gutes Beispiel für dämliche Verdichtung. Finde ich. Trotzdem neigt sich einiges, auch dem Ende entgegen, der Anfang steht aber schon vor der Tür. Man wird sich dann zusammensetzen und es ehrlich meinen oder aber auch nur so tun als ob. Hey, rief ich letztens noch durch die vorweihnachtlichen Hallen, wo bleibt denn nun die Altersmilde, die vielversprochene Güte in der dunkelsten Jahreszeit? Vielleicht wird auch viel zu viel erwartet. Auch die versprochene Weihnachtsfeier fiel aus. Dafür entfernten in Signalfarben gehüllte Männer mit Kapuzen auf dem Kopf die letzten Reste des nun vergangenen Herbstes, machten die Straße hübsch für den Einzug des Winters, für den dunkelsten und kürzesten Tag des Jahres, das Tal der Täler, jetzt geht es wieder aufwärts. Hofft man.

ostsee, stürmisch

Ein stürmisches Jahr geht nun vorbei, man wird ihm wohl keine Träne hinterher weinen und das Internet ist natürlich der Meinung: Es kann noch schlimmer kommen. Natürlich nicht bei mir. Oder dir. An dieser Stelle dachte ich auch, dass wahrer Wohlstand nur bedeuten kann, warme Füße zu haben und ein gutes Buch in der Hand, dazu vielleicht der eine oder andere Leckerbissen zwischen den Kiemen, ein Käsebrot oder was sonst noch da ist und wenn es einem ganz, ganz schlecht geht, singt man „Ein bisschen Frieden“ und alles wird gut. Vielleicht. In diesem Sinne: Feiern Sie gut und rutschen Sie rein, ohne Hals- und ohne Beinbruch, gehaben Sie sich wohl und im nächsten Jahr bitte mehr Kommentare. Danke.

[Auch wieder ein Jahr, in dem es viele erste Male gab, also ist man selbst noch lange nicht am Ende, allerdings spielt man nun in der sogenannten Erwachsenenliga, denn es waren schwerwiegende Entscheidungen zu treffen und man stand kurz vor einem Magengeschwür. Nun, da diese Gefahr vorerst gebannt scheint, kann der Bauch ordentlich mit Gans gestopft werden, auch um im nächsten Jahr ein sogenanntes Fitnessprogramm absolvieren zu dürfen. Frohes Fest.]
 
Mo, 22.12.2008 |  # | (544) | 3 K | Ihr Kommentar | abgelegt: fragmente



 

Tausend Krähen über dem Hackeschen Markt

Es gibt nur noch Grau. Grau und dann die Dunkelheit. Man geht aus dem Haus, es ist noch Nacht, jedenfalls fühlt es sich so an, denn es ist stockdunkel und kalt, vielleicht nieselt es auch, manchmal fällt sogar ein wenig Schnee in winzig kleinen Flöckchen und die allgegenwärtigen Straßenlaternen weisen einem den Weg, in gedämpftem, orangefarbenem Licht, diffus und möglicherweise auch die Augen schonend, trotzdem wird man ein entscheidendes Gefühl nicht los: Hier liegt die Welt am Boden. Es wird einfach nicht mehr hell. Der Sonnenaufgang ist nur angedeutet, na klar, sagt man sich, es ist jetzt schon acht oder halb neun und es ist natürlich heller als um sechs oder halb sieben, und doch befindet man sich den ganzen Tag in einer Art grauem Loch, der tristen Vorstufe eines sogenannten Schwarzen Lochs, dem Loch aller Löcher, dem absoluten Abgrund. Natürlich ist das nur ein Gefühl, aber ein sehr reales, vor allem wenn man müde aus dem Fenster einer Straßenbahn auf die vielen vorbei ziehenden Baustellen schaut, auf denen dick eingepackte Arbeiter noch emsig arbeiten, bevor Väterchen Frost einen kalten Gruß aus dem Osten herüber schicken wird. Bilder ziehen vorbei und Gedanken bohren an der Schädeldecke. Von innen.

Du, wollte ich sagen, aber da waren wir schon eingeschlafen, also sagte ich es dir im Traum, der dann auch irgendwie abglitt, in diese Untiefen der hyperromantischen Liebesträume, in denen immer alles gut ist, in denen immer die richtige Musik zum richtigen Zeitpunkt spielt und immer die richtigen Menschen am richtigen Fleck sind. So träumte man wohl schon immer vom Paradies. Also murmelte ich nur vor mich hin, während die reale Welt hinfort dämmerte, natürlich lief noch der Fernseher, denn zum Lesen waren die Augen längst schon zu schwach und der Kopf schon zu voll, eine Hintergrundsprecherin sagte noch etwas über die Menschen auf einer Tattoo-Convention, schöne und weniger schöne Menschen ließen ihre empfindliche Haut zerstechen und mit Farbpigmenten füllen, der eine so, die andere so, das ist natürlich unglaublich langweilig und deshalb auch kein Wunder, dass wir beide eindösten, in unserer übermüden Friedlichkeit.

Was am Ende des Tages bleibt, sind ein paar Zeilen, aber wenig Zeit. Niemand will sich darüber beschweren, doch die A. beschwerte sich jüngst über einen Mangel an Zeit, aber irgendwie auch am Thema vorbei, denn es ist nun einmal so, dass der durchschnittliche Mensch nicht stundenlang aus dem Fenster schaut oder besser noch in die Fernsehröhre, sondern irgendwie unsinnige Tätigkeiten für eine finanzielle Entlohnung übernimmt, die ihm sein Leben absichert. Mehr oder weniger. Nicht jeder schafft das. Deswegen sollte man sich auch nicht beschweren, schon gar nicht die A., aber nun gut, es wird einem auch schnell etwas unterstellt. Keine Zeit also, aber ein paar Zeilen bleiben, auch wenn sie nur ein Konzentrat sind, eine zusammen gestauchte Beobachtung, die Kurzfassung von dem, was man für sein Leben hält.
 
Mi, 17.12.2008 |  # | (723) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: haltestellenkino



 

Mann|Kind

Der Mann selbst ist am liebsten Kind, darum nimmt er selbiges auch gern an die Hand und sagt bisweilen etwas nettes. Dann fahren sie Straßenbahn, weil Straßenbahnen nicht auf der Tagesordnung stehen, obwohl sie direkt an der Wohnung vorbei rumpeln, in greifbarer Nähe. Na gut, man muss schon ein Stückchen gehen. Das Kind fragt den Mann, wohin er fahren wolle und tut dann so, als würde er genau dorthin fahren, lenkt am Lenkrad, was bei Straßenbahnen nicht unbedingt notwendig erscheint, gibt dann Gas, ab und zu ist etwas geil oder krass, Schulgeflüster beeinflusst Kindergartengeschrei, Sprachentwicklung, vielleicht sollte mal ein Sprachstandstest gemacht werden? Denkt der Mann und muss lachen. Herzhaft, natürlich und übertönt mit dem Gelächter den mild-sauren Kotzegeruch, der unter seinen Beinen hervor quillt und brüllend stinkt. Abartig. So ist das in der Großstadt, jeden Tag saufen sie zuviel und kotzen dann in die Straßenbahn oder die S-Bahn, um alle anderen zu belästigen, nur nicht sich selbst, man merkt ja dann nichts mehr.

Komm, wir laufen das letzte Stück, sagt der Mann zu dem Kind und bleibt nach ungefähr hundert Metern stehen, an einer Baustelle, auf der sich ein Bagger gerade in ein Loch hinein baggert, buddelt, dieses langsam in den aufgeweichten Boden frisst, ganz behutsam und doch voller Kraft, der Motor röhrt nicht, wie der Mann es von dem Bagger erwartet hatte, es brummt gemächlich, wie der Baggerfahrer selbst, mit bartbedecktem Gesicht, brummig, bärig, behutsam. Schau doch nur, sagt der Mann und wird zum Kind, hockt sich neben das seinige, dessen Augen auch irgendwie anfangen zu leuchten, er legt den linken Arm um das Kind, schau doch nur, sagt er noch einmal und will nicht mehr gehen.

Schnee hatte am Morgen alles sanft mit Weiß eingedeckt und die Schuhe sind beim Gehen schnell nass geworden, es ist kalt, sagt das Kind, ich will nach Hause, aber das Mann-Kind will natürlich noch bleiben, ich will aber nicht nach Hause, sagt es. Trotzig. Es kommen noch zwei große Selbstlader und beladen sich auch selbst, man braucht nur noch vier Leute, um auf einer Baustelle zu bauen, einer würde auch reichen, denkt das Mann-Kind, einer der baggert, auflädt, wegfährt und wiederkommt, um ein Schild anzubringen: Vorsicht, Baustelle. Kind und Mann gehen dann weiter, denn es ist kalt und der Schnee hatte alles sanft in Weiß eingedeckt und die Kälte kriecht nun durch Handschuhe, Mütze, Hose, Schuhe, mitten auf die nackte Haut, die sich mit einer pickeligen Gänsehaut schützt.
 
Mo, 15.12.2008 |  # | (561) | 2 K | Ihr Kommentar | abgelegt: reality blogging



 



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