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M5 Ein Mann mit verschlafenem Gesicht, unrasiert, schläft immer wieder ein, der linke Arm, den er mit dem Ellenbogen gegen das Fenster stützt, fällt ständig herunter, dann erschrickt er, zuckt zusammen und wird kurz wach. Ab und zu öffnet er die Augen, nein, er versucht die Augen zu öffnen, aber es gelingt ihm nicht, immer wieder kippt er weg, in die Halbwelt des Schlafes. Schläft er, lässt er dabei den Mund auf, das sieht dann schlimm aus. Sein Handy klingelt, er geht ran, murmelt Dinge ins Mikrofon und schläft dabei immer wieder ein und zuckt dann zusammen und murmelt und schläft wieder ein, wacht wieder auf und so weiter. Auf seinem dreckigen, grauen Arbeitsoverall steht: Im Auftrag der BVG. Eine Frau wankt den Weg an der Haltestelle entlang, sie trägt rote Schuhe, die sexy sind, in denen sie aber nicht laufen kann. Sie sieht aus, als wäre sie gerade ebend aufgestanden, dabei ist sie gar nicht gerade ebend aufgestanden, sondern schon vor einer Stunde oder auch schon vor zwei Stunden, vielleicht hat sie aber auch gar nicht erst geschlafen, ihr Gesicht wirkt verquollen, sie hat sich geschminkt und versucht, sich zu verstecken, die Müdigkeit zu vertuschen, als sollte niemand sehen, dass sie fertig und irgendwie auch am Ende ist. Also schaue ich weg. Dann schaue ich wieder hin, in ihrem Gesicht ein Anflug von Lächeln, ich nicke ihr kurz zu, ganz unverbindlich und entschuldige mich damit für meine Vermutungen, diese vermeintlichen Einblicke in ihr Leben, die am Ende aber nur ungewiss bleiben, wahrscheinlich völlig falsch sind. Die Bahn fährt weiter, die Sonne scheint, Autos fahren und auch Fahrradfahrer, wieder ein Tag und dann noch einer und noch einer und immer so weiter, ein wenig Meer wäre jetzt nicht schlecht und ein warmer Sommerwind und Sand zwischen den Zehen, aber Träume bleiben am Ende eben immer nur Träume.
889 ![]() Selbst mein guter Freund Oli, mit dem ich schon so manche Zigarette schmauchte und der mich immer gut unterhalten hat, mag das graue, regnerische Sommerleid nicht mehr ertragen, nun lässt er den Kopf hängen und möchte auch gar nicht mehr in die Kamera grinsen. Du, fragte er mich, wie kannst du das nur aushalten, du, als Sommertyp, dieses Trüb in Trüb, diese Luftfeuchte, die nicht einmal schwitzend macht, dieses Bläh in Bläh? Ich jammere nicht, sagte ich, ich schau mir Bilder an, aus besseren Zeiten, in denen noch niemand vom Klimawandel sprach oder von Benzinpreisen und irgendwann dann werde ich mich auf mein Fahrrad schwingen und in den Süden radeln, auf der Suche nach dem Glück, ganz ökologisch rein und werde die Welt retten und die Sonne wieder an den richtigen Platz zaubern. Dazu, ergänzte ich frech, werde ich natürlich ein Stück von Rudi Carrell auf den Lippen haben und laut über alle lachen, die meinen, größere Probleme als das trübe Wetter zu haben, denn sie wissen ja nicht, das alles mit allem zusammenhängt.
Wacholderbaum Vielleicht noch ein paar Fotos für das Archiv und dann sagen alle brav "Auf Wiedersehen.", auf das man sich mal wieder sieht. Hoffentlich nicht so bald. Alles Lüge, denkt man dann. In einem Anflug von Gestaltungskraft, man selbst nennt es erst gar nicht Kunst, wie käme man nur dazu und so weiter, wird gestaltet, was das Zeug hält, ein Baum muss dann zum Beispiel herhalten, ein Wacholder, mit nach Zitrone riechenden Ästen, dick und gesund, weit ausladend und in den Himmel ragend, also schon viel zu hoch und überhaupt ganz störend. Die anderen. Im ersten Moment nimmt er ein toskanisches Aussehen an, unten ganz kahl, in der Mitte buschig, raketenhaft in den Himmel zeigend, voller Lebenskraft, er könnte Alleen verzieren und Bilder von Sonnenuntergängen, vielleicht auch auf flickr, für die, die nicht mehr reisen wollen. Dann wird er umarmt, der Baum, es tut einem ja doch ein wenig leid, vielleicht, aber leise flüstert man zwischen die Äste: Es geht nicht anders, wir müssen uns trennen. Das arme Wesen wird dann seiner Wurzel beraubt, sie wird herausgeschnitten, ganz trocken die trockene Erde entfernt, der Ballen herausgerissen, der Baum gelegt, gefällt, es rauscht und knallt kurz, dann ist es geschehen, aber nicht vorbei. Dort liegt er nun, streng duftend, aber sein Grün vergeht schon jetzt, er stirbt, jeder Möglichkeit der Nahrungszufuhr beraubt. Doch auch so nimmt er Platz weg, darum zerlegt man das unhandliche Ding, es liegt ja eh nur so herum, man zerschneidet es, in hundert Stücke, macht es klein, sägt mit der Säge, schneidet mit der Schere, hackt mit der Axt. Die Säge reißt, die Schere schneidet leise und hinterlässt feine Kanten, unter der Wucht der Axt splittert das Holz. Die großen Stücke werden getrocknet und dürfen im nächsten Jahr, zu Weihnachten vielleicht, die Familie ist versammelt und singt, im Kamin dann fein knacken und knuspern und lodernd dahin gehen, während die kleinen, feinen Äste, dunkelgrün und kräftig, durch ein Quetschwerk gehen, in dem sie passend gemacht werden, passend für große, dunkelblaue Leichensäcke, in denen sie gelagert werden und abtransportiert, in die Kompostieranlage. Ein anonymer Tod. Später am Tag wird dann noch einmal das Werk bestaunt, eine leere, kahle Stelle, unbewachsen das Fleckchen Erde, beschützt vom dichten Astwerk des Wacholders, der nun nicht einmal mehr stöhnt oder knackt, der nun, in Einzelteile zerlegt, verwertet wird. Hier wird Gras wachsen, denkt man im Schweiße seines Angesichts, noch einmal an der Bierflasche nippend, oder vielleicht ein kleiner Busch oder whatever, aber irgendjemand sagte doch: Mach das weg! und so tat man das, pflichtbewusst und beflissen, warum wehren, es wächst ja doch wieder etwas nach.
882 Dass ich zwei verschiedene Schuhe an hatte, sagte mir Claudia Effenberg erst am Alexanderplatz. Da war es aber schon zu spät. Der Makler war entsprechend sauer und verdoppelte die Courtage. Warum denn nur, fragte ich, aber statt zu antworten, drohte er mit einer weiteren Verdreifachung. Da kann ich ja auch gleich den ganzen Potsdamer Platz kaufen. Wir lachten. In der nächsten Woche steigen die Ölpreise, sagte der, Ferienbeginn, verstärkte Nachfrage von Sonnenöl. Glaube ich. Die Scheichs werdens schon richten, schrieb wahrscheinlich die BLÖD. Oder wer auch immer. Vielleicht mach ich auch mal wieder ein Foto. Oder zwei. Oder falle ermattet ins youtube.
Paprikapastete Mein erster Gedanke heute morgen galt meiner Lieblingswurst, der Paprikapastete, die ich und der andere Kleine anbeteten, beteten wir Wurstwaren an. Aber das tun ja nur Heiden. Ich dachte mir kurz, angesichts der so lieblich lecker lachenden Pastete, der Rohölpreise und der steigenden Preise für hochwertiges Mineralwasser, dass diese Paprikapastete demnächst eben nicht mehr von einem chinesischen Hinterhoffleischer aus der Provinz Chinchinchin zusammengemanscht werden dürfte, sondern vom Fleischer Eduard, gleich nebenan, weil der demnächst wieder billiger produzieren wird, als sein ewig lächelnder Kollege im fernen China. Auch ohne Hund. Ich freute mich also kurz und draußen sangen Vögel und ich fühlte mich plötzlich so richtig gut. Leider werde ich dann zu meinen deutschen Brötchen, mit deutscher Butter beschmiert und deutscher Paprikapastete belegt, deutschen Muckefuck trinken müssen, denn afrikanischer Hochlandkaffee (oder auch südamerikanischer Kokskaffee), wird demnächst wohl genauso teuer sein, wie Kaviar, nicht der vom Seehasen, sondern der vom armen Stör (Beluga). Das wäre furchtbar und tragisch und auch geschmacklich keine Alternative, es müssen also andere Wege gefunden werden, vielleicht transportiert jemand demnächst Kaffeebohnen auf Eisbrechern mit Kernreaktor, weil das viel billiger ist? Und was ist mit Tee? Egal, Hauptsache ich kann meinen echten Kaffee trinken. Und ansonsten natürlich nur noch Rotkäppchen-Sekt. Prost.
So oder auch anders Die Welt ist wahnsinnig und verrückt. Pauschalisierend lief ich die Straße entlang und sah einen Mann, der aussah wie Graf Lottmann. Er saß auf einer Bank, müde, träge, schläfrig und natürlich sprach ich ihn an: "Herr Lottmann, warum sitzen Sie hier rum und blasen Trübsal? Haben Sie etwa nichts zu schreiben?" Das war sicherlich frech und im Prinzip auch unmöglich. Ich habe mich aber der Welt angepasst, bin wahnsinnig und verrückt geworden. Und Graf Lottmann antwortete mir: "Über Sie könnte ich doch gar nichts schreiben. Ihr billiger Sparkassenangestelltenlook ist doch genauso öde und langweilig wie beispielsweise die deutsche Politik. Damals, als der Schröder noch Medienkanzler war, da war noch was los, ja. Aber jetzt? Nichts. Ein müder Beck und eine Fußballkanzlerin. Wären Sie wenigstens ein bunter Vogel, könnte man da vielleicht noch etwas schönschreiben, ein Anekdötchen erfinden, aber so. Diese deutsche Angestelltenlangeweile, das ist ja überhaupt nicht zu ertragen. Bitte gehen Sie weiter." Sprach er und ich gab ihm natürlich recht. "Graf Lottmann, Sie haben natürlich recht. Allerdings, das sollten Sie an dieser Stelle nicht ganz vernachlässigen, ist es doch gerade dieser billige Sparkassenangestelltenlook, der mich als hier und jetzt als Person ausmacht. Ich bin ja nun mal so, wie ich bin, also mindestens in der Verbindung zwischen dem inneren Kern und der nach draußen getragenen Hülle, also an dieser Grenzlinie zwischen den nach innen gedachten Gedanken und der zur Schau gestellten Äußerlichkeit. Ich kann mir auch vorstellen, dass sich irgendein wichtiger Philosoph bereits mit diesem Thema ausführlich beschäftigte und den zitieren zu können einen modernen intellektuellen Menschen wohl ausmachen dürfte, ein Philosoph, den ich aber wieder einmal nicht kenne und darum ja gar nicht erst zu dieser modernen Elite gehören kann, sondern nur zu den angestellten Langweilern. Und seine Thesen hat er bestimmt schon in dieses bedeutsame Internet geschrieben, und wird nun dort von Millionen Kommentatoren der modernen Elite gefeiert und zum Gotte erhoben, während ich nur youtube-Videos anschaue und in der Vergangeheit stehen bleibe. Allerdings, würde ich jetzt zum Beispiel im Rastafari-Schlumperlook herumlaufen, nen Joint zwischen den Zähnen und nen feinen Reim auf der Zunge, ich wäre genauso wenig authentisch wie im Ballkleid von Mausi-Lugner oder im Nadelstreif eines Vorstandsvorsitzenden. Verstehen sie, was ich meine?" Leider war er in diesem Moment schon gar nicht mehr da, sondern dort, in irgendeiner Coffee-to-sit-Bar, in der sich die moderne Elite jeden Tag trifft und gemeinsam twittert und schmust und philosophische Zitate über das Internet, in das ja nun auch die bedeutensten Philosophen unsere Zeit hineinschreiben dürfen, austauscht und über alle anderen lacht. Ich dagegen hatte nun meinen halbgaren Monolog einer japanischen Reisegruppe vorgetragen. Die japanischen Freunde lachten brav und klatschten im Takt und nickten dazu ganz selbstverständlich. So viel Anerkennung war mir zuviel für einen Tag, ich nahm meinen Angestelltenrucksack und verschwand in meinem Angestelltenleben.
875 Aufgabe für heute: Eine CD von den Wilden Kerlen verbrennen (O-Ton). Nebenbei ein paar Downloads (legal). Dazu ein Fundstück (damals). [So geht doch bloggen?]
Weiß-heit Also, irgendwann werde ich, passen Sie nur gut auf. Bis dahin blogge ich oder lebe einfach einfach und höre Musik, wenn ich nicht gerade den lachenden Dritten (nicht: Zähne) lausche. [Ein Glücks-Fünf-Cent-Stück gefunden. Fünf Mal Glück um fünf Minuten nach Viertel Fünf. Oder Fünneff, wie wir Funker zu sagen pflegen.]
873 ![]() Eckig und kantig fühlen, ab und zu muss man auch mal abheben. Den passenden Soundtrack habe ich schon, einfach einwerfen und los gehts und wenn Sie Glück haben, lachen auch ein paar Kinder dazu. Glück. Haben. Ja, warum denn nicht? Dass man sich dabei melancholisch am Lenkrad festhalten muss, ist fast schon selbstverständlich.
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![]() (geborgt bei flickr)
Online seit: 08.02.2006
Letzte Aktualisierung: 03.06.2024, 07:57 Links: ... Home ... Blogrolle (in progress) ... Themen ... Impressum ... Sammlerstücke ... Metametameta ... Blogger.de ... Spenden Archiviertes:
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