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1180 Ich träumte. Ein natürlicher Vorgang, schwer zu steuern. Es wäre mir manchmal lieber, den internen Vorgang des Träumens aktiv beeinflussen zu können. Dann müsste ich es beispielsweise nicht hinnehmen, dass Radlader heraus gebaggerten Kies auf dem Dach liegend aufnehmen, um sich dann um einhundertachtzig Grad drehend in Richtung Strand zu bewegen, das dunkelblaue Meer war nämlich zu verfüllen, denn der Meeresspiegel steigt derzeit überdurchschnittlich. Der durchschnittliche Radladerfahrer trägt laut Angabe meines Unterbewusstseins einen topaktuellen Haarschnitt (Gala), einen gepflegten Drei-Tage-Bart sowie eine Prenzlauer-Berg-Werber-Brille von Armani. Habe ich genau gesehen. So etwas kann man doch gar nicht hinnehmen. Auch nicht die automatisch aus dem Fußboden fahrende Doppeldusche, in die sich ein Pärchen, das mir und ihr sehr ähnlich zu sehen schien, hinein begab, um zu duschen. Natürlich, was sonst. Diese Reinlichkeitsträume, das kann doch nicht normal sein. Das Pärchen bewohnte übrigens eine Art Tunnel, in grünlich-grauem Licht gehalten, ein wenig wie eine Unterwasserhöhle. Wünsche ich mir dies? Dann habe ich mich nun in ein Aquarium zu verziehen und die Welt durch eine dicke Scheibe von innen heraus zu betrachten. Ich harre der Dinge.
M6 Junges Pärchen in der Tram. Er erinnerte mich an einen vergangenen Freund, der immer unmögliche Witze erzählte und auch sonst viel Unsinn. Sehr viel. Sie sah ganz hübsch aus, er ganz nett. Er sprach irgendwie kumpelhaft mir ihr, wollte ihr aber eigentlich an die Wäsche, was ich auch gewollt hätte, als ich noch jung und Schulabbrecher war. Er fragte sie, ob sie schon in dem neuen Saturn am Alex war, worauf sie klug antwortete: Gibt es dort nicht genau die gleichen Sachen, wie in jedem anderen Saturn? Natürlich. Klug. Ich werde mir diese Antwort merken und an anderer Stelle, in etwas abgewandelter Form anbringen: Gibt es nicht in jedem Schuhladen genau die gleichen Schuhe? # Ich hasse es, Tram zu fahren. Ich liebe es, Tram zu fahren. Eine wahre Hassliebe. # Eine dicke Dame in rosa Jogginganzug, unwillkürlich muss ich an Kurt Krömers Zementa denken, diese kleine, dicke Pummelfee, setzt sich neben mich und ihren kleinen, stinkenden Pikinesen auf ihren Schoß. Hier wird nicht gefurzt und auch nicht der schlechte Hundeatem durchs Abteil gehechelt, denke ich und verkrieche mich hinter meine Lektüre. # Das junge Pärchen setzt sich. Er fragt sie nach ihrem Exfreund, sie erzählt Verworrenes, als könnte sie mit Liebe nicht viel anfangen, erinnert mich ein wenig an Maxim Billers "Liebe heute". Er kann auch nur Verworrenes beisteuern und lacht immer so laut und hässlich, während er ihr immer so kumpelhaft zu nahe kommt. Was willst du denn nun? Denke ich und sie wahrscheinlich auch, vielleicht sind die Grenzen hier aber auch schon klar und man tut vielleicht nur so ein bisschen. Angetäuschte Liebelei. Solange es nicht in angetäuschtem Sex endet, dürfte das vielleicht auch lustig sein. # Eine Horde Schüler irgendwo aus Deutschland fährt from innercity durch den urbanen Moloch in die Plattenbausiedlung. Mal Hartz-IV kucken oder so. Der eine fragt den anderen, was da wohl für Leute drin leben mögen, in den Plattenbauten, man ist sich einig, dass es auf jeden Fall keine guten, schönen, intelligenten sein dürften. Idioten, denke ich. # Das junge Pärchen befummelt sich. Was ist das hier? Ne Übung? Frage ich natürlich nicht, ich war ja auch so. Gefühlsvergessen und merkbefreit. Erst nach drei Jahren hatte ich gemerkt, das meine erste große Liebe, meine erste große Liebe war. Da war dann aber auch schon die zweite und dritte vorbei und bei der vierten hab ich es dann wieder ganz groß vermasselt. Und trotzdem irgendwann angekommen. Ach, sollen die doch machen, was sie wollen, wenn es Spaß macht. # Heute wieder, M6, vielleicht beobachte ich ja auch mal Sie.
1173 Der Viereinhalbjährige aus atheistischer Familie, also komplett gottlos erzogen, dafür aber mit diversen Sendungen des öffentlich-rechtlichen sogenannten Kinderkanals betraut, bemerkte am sonntäglichen Frühstückstisch, unter freiem, blauen Himmel sitzend, dass der liebe Gott doch im Himmel wohne und ein bärtiger, alter Opa sei, woraufhin der Siebeneinhalbjährige, aus selbiger atheistischer Familie stammend und vom vermutlich gottneutralen Lebenskundeunterricht der Berliner Grundschule nicht verschont, hinzufügte, dass dieser Opa doch noch ein Sohn gehabt hätte, der zwischendurch mal tot war (ans Kreuz genagelt von schick gekleideten Römern) und trotzdem später irgendwie wieder auf der Erde rumrannte. Vergnügtes Schmunzeln, Abgang. Dies alles ohne Pro Reli. [Und vielleicht bemerken, dass das sogenannte Motto dieses Blogs mitnichten einer gewissen Merkbefreiung huldigt, sondern genau das Gegenteil verlangt. Ab und zu mal selber denken.]
Berlin, Alexanderplatz Ich halte es für eine wirkliche Zumutung, was man dem armen, wehrlosen Alexanderplatz (Berlin, irgendwo in Mitte) angetan hat. Wenn man sich nämlich im Sonnenaufgang auf diesen zufährt, sich im Schritttempo dem Saturnbuilding und dem dahinter liegenden Alexablock, den beiden wahrscheinlich hässlichsten Konsumbauten östlich des Äquators (was natürlich Unsinn ist, denn es gibt ja nur nördlich und südlich, aber kein westlich oder östlich des Äquators, aber östlich passt hier so wunderbar, blühende Landschaften und die Realitäten, na, Sie wissen schon), nähert und mit müden Blick diese architektonischen Zumutungen erblicken muss, also den Blick gar nicht mehr von der Hässlichkeit dieser kleinen Welt abwenden kann, eine Hässlichkeit, neben der das "Haus des Lehrers" - welches ich im übrigen und natürlich auch innerlich schon lange kenne - als wunderhübsch erscheint, dann möchte man am liebsten diese Stadt schreiend verlassen oder vielleicht mit riesig-gigantischem Fuß die erwähnten Hassbauten einstampfen und vielleicht auch die Architekten und sonstige Verantwortliche selbiger Behandlung unterziehen, aber auch das ist nur eine dieser müden Müdigkeitsphantasien an einem frühen Morgen am Ende der Woche und wenn ich noch einmal den Alexanderplatz im Sonnenaufgang und aus dieser Richtung kommend passieren sollte, werde ich depriemiert aber friedvoll singen: Schatz, ich habe Berlin gekauft und es Jaqueline getauft. Oder Kevin-Justin.
Morgenkreis Es schreiben so viele ins Internet, so viele schreiben ins Internet, und gar nicht mal nur nett, sondern auch mal, nun ja, wie soll ich es sagen? Bescheuert? Bekloppt? Und auch total verrückt? Es schreiben so viele ins Internet, so viele schreiben ins Internet, warum dann nicht auch ich? [Und jetzt alle.]
I'm not tired of using technology Einfach sitzen, den Wolken zuschauen, bei Ausatmen dem Frühlingshimmel ein paar kleine, blau-graue Wölkchen hinzufügen, in der Ferne das Rauschen der Straße, Lebensader der großen Stadt, hinter einem schlägt ein Teil vom Herz und man selbst ist mittendrin und trotzdem in einer anderen Dimension. Eine bewusste Wahrnehmungsstörung, man will nur Gutes sehen und das Schlechte verschwinden lassen, ein imaginärer Zauber, für Minuten real. Und dann? Eine Berufung, der wahrscheinlich einzig mögliche Beruf: Menschen beobachten. Hallo Mensch, denkt man zuerst, es wird dich doch wohl nicht stören, wenn ich dich beobachte, studiere, subjektive Schlüsse aus deinem Handeln, deinen Gesten ziehe, was würdest du sagen, wüsstest du, was ich über dich denke? Aber das ist doch vollkommen egal. Es wird dir nicht schaden, mein Denken, ich werde dich schon nicht verraten, deine kleinen Schwächen, unsere kleinen Schwächen, wir, die Menschen, eine Ansammlung kleiner Schwächen, im Großen und Ganzen also schwach, Schwächlinge? Meine Welt besteht aus Baggern. An der Tram-Strecke: Bagger. An der Autobahn: Bagger. Riesige Bagger, wirkliche Geschosse mit mannshohen Rädern und Schaufeln, in denen ganze Häuser Platz fänden. Auf dem Weg von A nach B: Bagger. Emsig klettern in Signalfarben gekleidete Arbeiter in die dinosauriergleichen Vehikel, hauchen ihnen Leben ein, in dem sie Knöpfe drücken, Pedale treten, Schalthebel vor und zurück oder auch seitlich bewegen, präzise entfernen sie überschüssigen Erdboden, transportieren Baumaterial über Köpfe hinweg, die hoch zu den Greifarmen schauen, sicher, vertraut, ohne Angst, sie stehen schief, gerade, machmal sieht es aus, als würden sie kippen, aber sie kippen nicht, sie drehen sich ein wenig, fahren vor und zurück und aus dem Führerhaus erntet man ein Lächeln für den angstvollen Blick. Daraus besteht meine Welt, es ist eine rauhe, rohe Welt, kraftvoll, nach feuchter, fetter Erde, Diesel, Öl und Schweiß riechend, eine Welt voller Höhen, Tiefen, Veränderungen und Fehlern. Vor allem die gehören in jede Welt. Fünf Bände von Stanislaw Lem aus der Flohmarktkiste gerettet, jeden Tag eine gute Tat.
1149 Man trinkt gierig und in großen Mengen sehr billigen Kaffee, man verzehrt Rindfleisch und vitaminreiche Südfrüchte, man trägt modische Sportschuhe sowie in fernen Ländern, von Ausländern verfertigte Oberbekleidung, man weist aber, mit vor Erregung zitterndem Zeigefinger, anklagend auf die Mönche, Minister und Manager da oben, da man ihnen den besseren Hebel neidet,... Huren, Wein und die Filets der besten Tiere für alle
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