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Vereinfachung Und samstags dann die feierliche Enthüllung des kleinen Mandelbäumchens, welches fest eingepackt den Winter überstand und uns nun mit zartrosanen Blüten in die neue Pflanzerzeit begleitet. Es geht doch nichts über die Überwindung von Klischees, ganz zum individuellen Wohle, ich gebe zu, sonst bin ich schon sehr verkopft und denke am Ende viel zu viel. Nun also werden wieder Sonnenstrahlen erwartet, weiche Hand in warmer Erde, dazu ein Trank, ganz frisch gebraut, ein Buch, ne Gartenkralle und fröhliches Zwitschern ganz unbescholtener Vögelein, was, und diese Frage stell ich mir jedes Jahr erneut, will man eigentlich mehr?
Sorgen Huch, denke ich immer, wenn der Fernsehturm hinter einem Dickicht grau-schmieriger Wolken verschwindet, ist es endlich vorbei? Ist Berlin verdienterweise von der Landkarte verschwunden und hat Magdeburg seinen rechtmäßigen Platz als wahre Hauptstadt des deutschen Reiches eingenommen? Das ist natürlich absurd. Deswegen schwinge ich dann auch immer ganz schnell meinen gut gebauten Alabasterkörper von der wunderbar angenehmen Federkernmatratze, hülle ihn in einen wohlig-flauschigen Bademantel, natürlich ganz in weiß, und begebe mich zwecks Anblick und Verspottung der in die Büros marschierenden Massen ("Nichtsnutziger Pöbel!") auf die mit einzigartigen Marmorfliesen aus Carrara bedeckte Terasse meines Penthouses. In der Ferne schwimmt ganz unbeeindruckt ein azurblaues Meer vor sich in und stößt regelmäßig an die Kanten seines Ufers, ganz ohne sich dabei zu verletzen. Die Palmen sollten mal wieder gegossen werden, denke ich dann, der Poolboy, diese faule Sau, vergnügt sich schon wieder mit dem russischen Au-pair-Mädchen, obwohl ich der doch eingebläut hatte, sie wäre nur mein, mein, mein und die Liebste hat sich schon wieder den Lamborghini für ihre Shopping-Tour aus der Garage geholt, obwohl ich ihr schon tausendmal gesagt hatte, ihr stünde der 911er viel besser und wäre zudem auch viel leichter durch diese dämlichen Parkhäuser zu lenken. Hauptsache, sie macht mir da keinen Kratzer rein. Mein Gott, dieses Leben ist eine Qual, jetzt erstmal Zeitung lesen, dann alte Klamotten anziehen, in die ranzige, verrauchte Bar irgendwo dahinten schlendern und bei ein paar Drinks vom Bukowski-way-of-life träumen.
Schöne neue Welt Irgendwann reden wir nur noch Zwitscher. Irgendwann erfindet jemand eine social platform, eine community, die zum Austausch von Informationen zwischen faulen und fleißigen Schülern dient, eine Art Abwehrwaffe gegen alle möglichen gesellschaftlichen Einflüsse auf die vielleicht noch nicht ganz verloren gegangene Schülerschaft, ja, man möchte fast von der gesamten Jugend sprechen. Hier erledigt einer für den anderen die Schulaufgaben und erwirbt damit Karmapunkte und Wissen, das ihn wiederum vom anderen abhebt. Und so weiter. Irgendwann wird die Menschheit von jeglichen Zwängen befreit und man kann endlich morgens im Bett liegen bleiben und die Arbeit, sofern man noch einer nachgehen darf, bequem per mobiler Arbeitseinheit erledigen, Chirurgen und so natürlich ausgenommen. Das erzeugt allerdings auch wieder Neid. Irgendwann verschwindet aber auch dieses Phänomen und man erhält eine staatliche Grundsicherung, die einem das Liegenbleiben in warmen Federn ein wenig erleichtert (Kaffee bringt der Hausroboter ans Bett), wer mehr will, muss trotzdem wieder raus aus den Federn. Die staatliche Grundsicherung reicht allerdings dicke, um sich leckere synthetische Lebensmittel ins Haus liefern zu lassen, einen Internetanschluss, den man zur Online-Bestellung dringend benötigt, hat natürlich jeder Haushalt zugewiesen bekommen. Supermärkte, in denen Mitarbeiter mit Kameras überwacht werden müssen, braucht man nicht mehr. Die synthetischen Lebensmittel sind im übrigen äußerst praktisch, sie nehmen kaum Platz weg und müssen nicht gekühlt werden, zudem sind sie manchmal auch ein bisschen lecker, ein Schnitzel ist zum Beispiel in einer Plastikfolie eingeschweißt, relativ klein und hat auch wenig mit Schweinefleisch zu tun. Die Haltung von Schweinen und sonstigem Getier ist schon seit Jahrzehnten ökologisch nicht mehr vertretbar, deswegen wurde ein organischer Gummi entwickelt, der unter Zugabe von Geschmacksstoffen ein passables Stück Fleisch imitieren kann. Regierungen gibt es übrigens auch nicht mehr, dafür globale Vorstände und Aufsichtsräte (Sitz in China), die Weltbevölkerung hat in ihrem letzten Volksentscheid fast einstimmig auf jegliche politische Einflussnahme verzichtet und hofft nun auf den vom großen Vorstandsvorsitzenden versprochenen Wohlstand für alle. Natürlich gibt es auch eine kleine Gruppe von fortschrittsfeindlich gesinnten Gesellschaftgegnern, aber die haben wie immer die breite Masse gegen sich, die ganz gut damit leben kann, dass sie das Internet direkt über die in den Arm implantierte mobile unit empfangen kann, inklusive GPS und Gedankensteuerung, die übrigens auch bidirektional funktioniert und automatisch Statusmeldungen an ein zentrales Austauschsystem sendet ("Jetzt Kaffee trinken."). Die Zukunftsängstlinge, wie die kleine Gruppe der Fortschrittsgegner auch gerne spöttisch genannt wird, glaubt noch an ein völlig überholtes Wertesystem, an Liebe, Glück, Gemeinschaft und sonstigen Schwachsinn, wie sich auch der große Vorstandsvorsitzende gerne ausdrückt. Solch realtiv nutzlosen Dinge werden nun zentral von einem Computer gesteuert und immer wieder neu generiert, je nachdem, wie die Stimmung gerade ist. Um lästigen Nachwuchs muss man sich auch nicht mehr kümmern, das übernehmen riesige, fabrikhallengroße Labore, in denen Embryos je nach Bedarf künstlich hergestellt werden. Erziehung und Ausbildung werden in einem globalen, einheitlichen Erziehungssystem übernommen, relativ unempfindliche Erziehungsroboter kommen mit jedem noch so komischen Kind klar, allerdings gibt es kaum noch Abweichungen von der Norm, seitdem die Labore die genetische Entwicklung jedes einzelnen Embryos in Echtzeit überwachen können. So liegt Mensch also morgens in seinem Bett, nachdem er mit der Welthymne "It's a perfect world" zart geweckt worden ist, schaut seine Statusmeldungen und natürlich die der anderen an, kommuniziert über das zentrale Austauschsystem, genießt den Kaffee, den der Hausroboter wie immer perfekt hinbekommen hat, und wartet auf das nächste computergenerierte Großereignis, dass von der täglichen Tristesse des automatisierten Lebens ablenken soll. Second live.
Made in the dark Heute ohne Stimmung. Das begann schon gleich nach dem der Hahn laut krähte und setzte sich fort, nachdem ich den letzten Sitzplatz in der Bahn erwischte. Ich habe mich kurz gefragt: Können Straßenbahnen überholen? Nein, natürlich nicht. Man hätte Überhol-Schienen an die bestehenden Schienen anflanschen, dafür also Straßen aufreißen und den gesamten Verkehr lahm legen müssen. Dann kann ich die drei Minuten wohl beruhigt warten. Ohne Stimmung kann Mensch natürlich nicht sein, ich bin doch keine Maschine. Deswegen erdachte ich einen längeren Aufsatz über die Liebe, während ein paar Blogger an mir vorbei zogen, die zu einer Konferenz wollten. Ein sinnloses Unterfangen. Dieser Aufsatz. Man fängt groß an und wird dann kleiner und kleiner und noch kleiner, bis man das alles nicht mehr greifen kann, der Nanobereich erreicht ist - hier sollte man übrigens investieren - aber nö, in Sachen Liebe führt das zu einem relativen Nichts. An mir vorbei strömen Touristen, hauptsächlich Japanerinnen und Italienerinnen, natürlich eine subjektive Wahrnehmung, auf andere achte ich gar nicht. Dies nun also ist Berlin, denke ich. Eine komische Ansammlung von allem möglichen, bunt zusammengewürfelt, dazwischen Menschen, darüber dunkle Wolken und Sonne, ich sollte mich beeilen, um schnell zur nächsten Haltestelle zu kommen, aber was treibt mich eigentlich? Nacht senkt sich hernieder, die Zeiten ändern sich, Knospen treiben aus, Blüten öffnen sich, das ist der Lauf der Zeit. Zeit. Man hat davon nicht viel und verschwendet viel zu wenig, alles ist immer so funktional, sinnvoll, berechnet und wendet man sich ab, verlässt den Strom, die Masse, wird man schief angeschaut und dann ziehen sie weiter, ignorieren, vernachlässigen, vergessen. Schnell noch etwas geschrieben, von dem man meint, es erbaue einen selbst, aber was ist das schon für eine Erbauung, die man mit niemandem teilen wird? Ist das nicht sinnlos, ohne Sinn, verschwendete Zeit? Was hätte man sonst getan? Gelebt und geliebt und noch ein wenig dem Verfall zugearbeitet, Verfall, jaja, der ist ja sowieso unaufhaltsam. Gute Nacht.
be-berlin ![]() Das Tacheles. Im Durchgang stinkt es nach Pisse und Müll, das ist kein schmucker Laden, das ist ne Bude, eine Ansammlung von allem möglichen, vor allem Kunst. Streeart-Aufkleber an jeder Ecke, Werkstätten, auf dem Innenhof steht ein rostiger Stier mit langen Hörnern und eine Bar aus übergroßen, rostigen Buchstaben und wenn ich den Pisse-Müll-Geruch überwunden habe, fühle ich mich zwar nicht wohl, aber gut, dann denke ich, dass dieser Ort genau in diese Stadt passt, das hier ist kein romatisches Idyll am Bergsee, das ist eine Großstadt. Fragt sich nur, wie lange das noch so bleiben wird. Denn jetzt soll alles schicker, besser, teurer, berliniger, ach nein, eher newyorkiger werden, heißt es (via), statt Pisse nun Champagner und statt Müll ordentlich Luxus, als bräuchte die Stadt noch einen weiteren neuen Anstrich und schon strömten noch mehr Massen in die hippe Mitte, ihr Geld zum Fenster rausschmeißend und so tuend, als wüssten sie als einzige über alles Bescheid. Nein, ich mecker nicht, ich fände es nur schade.
... Ein Blogger machte tolle Fotos von den Kindern. Wir lebten in einer Holzhütte am Rande der Stadt, ein unglaubliches grünes Meer um uns herum, zum Mittag gab es Reis und ich arbeitete an einem Online-Magazin ohne Kommentare. Ich schaute aus dem Fenster, richtete meinen Turban und meine Galabea, während zwei FBI-Agenten den Cabman verhörten, irgendwann rief der Muezzin zum Gebet. Aufgewacht.
783 Das ist das Zeitalter der unpassenden Sonnenbrillen, riesengroß und clownig anmutend, eine Zumutung für jeden Sonnenbrillenvermeider, also für mich. Vielleicht bin ich auch nur neidisch, mir stehen diese Dinger nicht, also anderen auch nicht. Das ist das Zeitalter der nach Nikotin stinkenden Typen, die sich in der S-Bahn Blödsinn erzählen und dabei großartig mit Plastikbechern schwenken, in denen kalter Kaffee mit Eiswürfeln schwimmt und vier Strohalmen stecken. Das ist das Zeitalter, in dem sich Frauen von Männern weg setzen, wenn diese sich die Nase putzen müssen, also aus hygienischen Gründen dafür sorgen, dass ihnen nicht der Schleim aus der Nase läuft und sich in der Gegend verteilt. Vielleicht hat ihr aber auch nicht mein Buch gefallen. Das sind die sogenannten Nuller-Jahre, die Nuller-Jahren waren und sind immer noch irgendwie, wenn Sie mich fragen und wenn ich ganz ehrlich bin, glaube ich, dass die zwangsläufig folgenden Zehner-Jahre noch viel irgendwie-er werden. Ziehen Sie sich warm an.
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![]() (geborgt bei flickr)
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Letzte Aktualisierung: 03.06.2024, 07:57 Links: ... Home ... Blogrolle (in progress) ... Themen ... Impressum ... Sammlerstücke ... Metametameta ... Blogger.de ... Spenden Archiviertes:
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