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Willkommen, November Das harmlose dudeldidum der Musik, draußen geht das Licht verloren und drinnen Ideen, Gedanken verschwinden irgendwo zwischen den Tasten des Keyboards. Mails, ich sollte Mails schreiben. Lange, kurze, dicke, dünne, egal. Alles dabei. Keine Lust. Lustlosigkeit schleicht sich von hinten an, packt zu und zerrt mich vom Stuhl, weg, weg, weg. Nein. So geht das nicht. Einschließen hilft vielleicht. Dann kann man nicht mehr raus. Ich ersticke. Musik wechseln, bitte mehr Gitarren. Zack, zack, zack, ein paar revolutionäre Salven abgeschossen, mach kaputt und so weiter. So bin ich aber nicht. Ich mag die Pet Shop Boys, zum Beispiel. Das ist Schonwaschgang. Kürzlich spielte mir ein Freund Bob Dylan und Johnny Cash vor. An denen fuhr ich bisher besinnungslos vorbei. Wie geht das denn? Nicht hinhören. Ich las auch noch nie etwas von Thomas Mann. Doch, "Tod in Venedig". Dann lieber Kafka. Und Cash und Dylan. Das gefällt mir. Plötzlich. Schon wieder ein paar Gedanken weg, tzzzisch, diese Gedankenlosigkeit. Am liebsten wäre ich überall und könnte alles machen. Gleichzeitig. Ein Jederzeitalleskönner. Ich habe mir angewöhnt, jede erlebte Situation sofort blogtechnisch aufzubereiten. Mein Akku läuft dabei heiß, Billigware von Medion. Wofür? Für die Katz. Schreib doch für die Katz, wenn du eine hättest. Ich habe keine, dafür Katzenhaarallergie. Immer noch harmloses dudeldidum der Musik, ja, so bin ich nun mal. Und draußen geht das Licht aus und vorbei und dabei ein paar Gedanken verloren, wichtige, womöglich, wer weiß das schon.
Lauf! Ja, komm her, komm näher, trau dich, vergiss die kommende Dunkelheit, die untergehende Sonne, das vergehende Licht, die langsam über den Boden kriechende Kälte, die sich an deinen Beinen heraufschlängelt, wie eine Schlange mit ihrer gespaltenen, leise zischenden Zunge. Siehst du den Nebel aufsteigen? Feuchte Spinnenetze glitzern im letzten Schein des Sonnenlichts, immer noch wunderbar warm, ein Licht, das dich einhüllt, aber jetzt vergeht und vielleicht nie wieder kommen, sondern unaufhaltsam verschlungen wird, von bitterkalter Nacht, unheimlichen Geräuschen, Schatten, dunklem Rauschen. Irgendwann wirst du die Schreie hören, die dich bis ins Mark erschüttern werden, Schreie voller Angst, die dich dann selbst packen wird und dann fängst du an zu rennen, so schnell du kannst, renne, ja, renne, aber pass auf, dass sich keine Äste in deine Augen bohren, dich schmerzhaft verletzen, dich erblinden und für immer in ewiger Dunkelheit allein lassen, pass auf, pass nur auf. Spürst du den weichen Boden unter deinen Füßen? Dunkle Wasser quillen aus dem weichen Moorteppich, vielleicht ist es ein alles verschluckender Sumpf aus dem dich niemand mehr befreien kann? Jeder knackende Ast, der unter deinen zittrigen Beinen zerbricht, jagt dir einen Schauer über den Rücken, einen Schauer durch deinen bis auf den letzten Muskel angespannten Körper, deine Nackenhaare stehen zu Berge, Gänsehaut überzieht deine wunderschöne weiße Haut, die so makellos ist und rein, die du unter deinen nassen, kalten Kleidern versteckst, so schön, so schön. Du kannst kaum noch atmen, schlucken, musst jetzt stehen bleiben, dich abstützen, an dunklen, feuchten Kiefernstämmen, die scheinbar endlos in den Himmel ragen und dann kommen wieder diese Geräusche, Richtung und Herkunft undefinierbar, sind es Tiere? Menschen? Geister? Ja, vielleicht sind es Geister, die hinter dir her sind, die dich packen wollen, in ihre Höhlen ziehen, um dich zu quälen, dich zu Tode erschrecken, lauf, lauf, ja, lauf nur, aber du wirst es nicht schaffen, nein, denn sie sind schneller als du, sie schweben weiß schimmernd über dir, zwischen den Bäumen und werden sich wie Raubvögel auf deine verängstigte Seele stürzen, sie dir aus der Brust reißen, bei lebendigem Leib, und sie werden dein blutendes, schlagendes Herz triumphierend in den dunklen sternenlosen Himmel halten, dabei markerschütternde Schreie ausstoßen, die Lust der Geister, gierig und geil, ja, lauf nur, lauf, sie werden dich trotzdem holen. Jeder Ast, der sich in deinen Körper bohrt, auf deiner hastigen Flucht durch den immer dunkler werdenden Wald, fühlt sich an wie der Reißzahn eines tollwütigen Raubtieres, das geifernd, Zähne fletschend und wütig knurrend hinter dir her ist, dich einholen wird und in Stücke reißen, zerfetzen, bis zur Unkenntlichkeit verstümmeln und du wirst sterben, einen qualvollen, einsamen Tod, hier auf dem kalten, feuchten Boden, in der unendlichen Einsamkeit des Waldes, dieser dunklen, undurchdringlichen Hölle und niemand wird dir helfen können, niemand, niemand, nein, irgendwann vielleicht werden sie deine Überreste finden, ein paar Fetzen, abgenagte Knochen, die man von dir übrig ließ, hier, am Schauplatz eines unfassbaren Gemetzels, blutig, grausam, ohne Gnade. Lauf nur, lauf, renne, so schnell dich deine Beine tragen können, lauf, schnell, denn dort hinten kommen sie schon, schwarze Reiter ohne Gesicht auf wutschnaubenden Pferden, hörst du die dumpfen Schläge der Hufe auf dem moosbedeckten Boden, dunkel, bedrohlich, unaufhaltsam, lauf, lauf, lauf, sie werden dich einholen, bei Sonnenuntergang, in der unendlichen Dunkelheit, sieh doch nur, sieh, dort im Westen, das letzte Licht vergeht, renne, lauf, lauf, lauf, denn jetzt kommen sie, immer näher und näher und näher, die wehenden Fahnen flattern im Wind, drohendes Rauschen, lauf, lauf, lauf, dort hinten ist dein Tor zur Freiheit, siehst du es? Ja, dort, eine Lichtung, ein Bachlauf, feucht nach Blüten duftende Wiesen, das Gras knietief und weich, ein paar Rehböcke mit ihren Ricken und darüber ein klarer Sternenhimmel, der helle Mond, alles friedlich und frei, Sicherheit und Leben, kein Blut, keine Geister, keine Raubtiere, keine schwarzen Reiter, lauf, lauf, lauf, nun lauf endlich, schnell, schneller, lauf, sonst werden sie dich holen, lauf, lauf, lauf. (Dieser Text steht im losen Zusammmenhang mit diesem Text, der wiederum mit dem heutigen Tag, wie auch immer man ihn nennen mag, und dem Grundgefühl des kommenden Monats in Zusammenhang steht. Ich glaube, Frau Schlüsselkind könnte ein Lied davon singen, wenn sie denn sänge.)
Und dann feststellen, dass aus dem früheren wunderbar ein schier unglaublich wunderbar geworden ist, ganz plötzlich an übereinanderlegbaren Schablonen zu erkennen und man selbst von der Furcht vor der Vergängnis, den Unwegbarkeiten des Lebens gepackt wird und man jeden Moment, jede Minute, jede Sekunde nutzen müsste, um nichts zu verpassen, zu verlieren. Und dann zählt jede kleine Berührung, jeder Blick, jedes Lächeln, denn dafür reicht die Zeit noch und dann eine nächtliche Erkenntnis, zitternd in ein Notizbuch geschrieben. Komische Jahreszeit, immerhin ein wenig Frühling im Herbst, Licht in der Dunkelheit, Farbe im grauen Einerlei.
Am Strand ![]()
Alltag Aus dem Radio tönen abwechselnd die Stimmen von Beck und Müntefering, über allem schwebt schon wieder dieser Schröder, der aber wichtigeres zu tun hat (Geld verdienen?) und außerdem schon gar nicht mehr dazu gehört. Ex. Die Agenda war ja nur ein schlechter Scherz ähem ein Instrument und diese ganze neoliberale Kacke ja im Prinzip und eigentlich gar nicht so gemeint. So geht also Politik. Hinterher ist alles anders. In fünf Jahren wird Schäuble wohl auch sagen, dass diese ganze Terrorgeschichte ja gar nicht so gemeint war und die Bürgerrechte, die Freiheiten als Grundlage der Demokratie vor Politikern wie ihm ja im Prinzip geschützt gehören. Oder so ähnlich. Keine Lust mehr, Radio aus. Die Musik war sowieso schlecht, alles Wiederholungen, kein Wunder, wenn keiner mehr diesen Schrott kauft, man muss ja nur das Radio anmachen. Zwischendurch wunderte ich mich, dass Grönemeyer nun auf Englisch singt, war aber der Springsteen, den ich plötzlich ein bisschen gut fand. Besser als dieses Parteitagsgeschwurbel, wir sind gut aufgestellt, rollte irgendwann der Müntefering aus dem Lautsprecher, seid ihr nicht, dachte ich sofort, euch wählt doch keiner mehr, wenn, dann wollen die doch alle nur noch die echten Konservativen. Man darf gar nicht drüber nachdenken. Lieber hole ich den Olli Schulz aus der Schublade und lass mir Geschichten erzählen, die klingen wenigsten nach etwas, Liebe, Leben, das ist ehrlich, da kann man sich beruhigen. Geschichten überhaupt, der Große ließ kürzlich in sein sogenanntes Sprachlerntagebuch, das von Migrantenerkennungsfragen (Welche Muttersprache sprechen deine Eltern?) nur so strotzt, wenn man doch wenigstens und überhaupt, ach egal, der Große diktierte also in dieses Tagebuch hinein, dass er gerne Geschichten erzähle und das stimmt wirklich, jeden Tag mindestens eine wahnsinnig unrealistische, fiktive Geschichte aus berufenem Kindermunde, möglichst unter Benutzung aller historischen oder erdachten Figuren und Plastiktiere aus dem Spielzimmer, das ist ehernes Gesetz. Und ich Idiot mach das Radio an. Und dann legt der andere, der Kleine, seinen Lockenkopf lachend auf sein Kopfkissen, nein, er schmeißt ihn geradezu fröhlich drauf und seine kleine, weiche Hand streicht mir übers unrasierte Gesicht und dann sagt er leise: "Papa, ich bin der kleine Eisbär und du bist der große Eisbär und wir tanzen zusammen übers Eis." Müssen Eisbären wirklich nie weinen?
Am schönsten ist immer noch die Einsamkeit im Windpark. In der Ferne der knatternde Motor eines Traktors, weit hinten, auf dem Feld, wie es wohl wäre, darauf zu sitzen, mit ihm über die dunkle, schwere Erde zu fahren, die Erde zu beherrschen, die Maschine zu beherrschen, diesen Gigant mit den riesigen Rädern, weit über dem Boden sitzend, Jungensträume. Möwen fliegen über die frisch gemähte Wiese, das Schlagen der sich ständig drehenden Rotoren der Windräder, die Sonne strahlt immer noch, am Himmel ein paar Wolken und außer dem Wind und dem Motor des Traktors ist nichts zu hören, nichts, und der Blick geht wieder in Richtung Unendlichkeit, ungebremst, kein Häusermeer, keine Hektik, nur Ruhe und nachts dann diese unglaubliche Dunkelheit, so dass einem bei jedem kleinen Geräusch ein wenig Angst und Bange wird und kleine Schauer über den Rücken jagen. Norden der Welt
Immer noch im Norden "Alte Liebe" - ein heimkehrendes Schiff tutet laut in den krachenden Wind, Matrosen jauchzen an Deck, freuen sich auf den lang ersehnten Landgang, im Hintergrund schiebt sich ein Containerschiff vorbei, das Wasser ist braun, sandig, die Elbe schiebt unermüdliche ihre Fluten in die weite Mündung, es läd nicht zum Baden ein, so wie das blau-grün schimmernde Mittelmeer oder der dunkelblaue Atlantik, über allem eine graue Wolkensuppe, kalter Wind und Salzgeschmack auf der Zunge. Hier sollte man wohl ein Gefühl von Heimat oder Vaterland oder so bekommen, jedenfalls frage ich mich, nebenan ein Denkmal für im 2. Weltkrieg gefallene Matrosen, dieses Gefühl stellt sich aber nicht ein, Heimat, na ja, vielleicht, ein wenig, Vaterland, nein, eher nicht. Ja, es ist schön hier und auch woanders, aber kein Grund, es zu vergöttern, in gleißendes Licht zu tauchen, erstrahlen zu lassen, es anzubeten, empor zu heben, alles dafür zu geben, das Schwert zu zücken und in den Krieg zu ziehen, nein, dieses Gefühl stellt sich nicht ein, für mich ist das nicht wichtig. Also, zurück in die ländliche Idylle, dort bekannte Geschichten, die sich hinter den fein geputzten Mauern, hinter der reinen Fassade der roten Häuser abspielen, Missgunst, Neid, Liebe, Hass, Verrat, manche Dinge scheinen hier mehr Wellen aufzuwühlen, als zu Hause, vielleicht bin ich auch nur abgestumpft, desensibilisiert, ein die Großstadt liebendes Stadtkind, das hier nicht her passt.
Norden der Welt Weite, immer wieder kleine Wölkchen am Himmel, Weiden, besprenkelt mit Kühen, Schafen, Pferden, Gedanken an Prärie machen sich breit, Windräder, die sich unermüdlich im Gleichtakt drehen, alles wirkt romantisch, spricht die Idyllenader an, lässt schwelgen, in Gedanken und dort hinten der Deich und dahinter ragen Schiffsaufbauten, die sich langsam schaufelnd nach vorne schieben, unaufhaltsame Massen, Fernfahrer auf den weiten Meeren und wenn man in Richtung Horizont blickt, bekommt man ein Gefühl für Unendlichkeit, die unbegreifbar scheint. Immer wieder Dörfer, rote Häuser mit schicken Vorgärten, getrimmter Rasen, stechend grün und darum weiße Zäune, weiße Haustüren, blitzblanke Pflastersteine und vor jedem Haus mindestens ein Volkswagen, denn hier wohnt das Volk. Morgens gibt es die BILD, dort steht alles drin, dazu noch die Zeitung für den Landkreis, auf der Titelseite ein Bild von der Eröffnung eines Museums für gegenstandslose Kunst, aber BILD ist natürlich besser, die deckt die ganzen Schweinereien auf, holt das Schlechte hervor, die Abgründe, vor denen man hier, in der Idylle, geschützt ist, sich geschützt fühlt, hier, im Eva-Herman-Land, wenn man so will, in dem der Vater noch von früh bis spät knuffen geht, bis der Rücken krumm ist und die Mutter den Haushalt schmeißt und natürlich die Kinder betreut, so wie es sein soll, sein muss, es gibt kaum Alternativen, das Greuel ist der Moloch Großstadt, vor allem "die da in Berlin". So hört man es jedenfalls, ab und zu. Schaut man hinter die Kulissen, erkennt man allerdings kaum mehr Unterschiede zur Großstadt. Dramen, Schicksale, Alltag, hinter der Fassade ist nichts anders, hier, dort, das ist doch einerlei, das sind doch alles rein menschliche Probleme und während hier die Hektik der Großstadt, das Anonyme, die Ansammlung von Gesocks als Brandbeschleuniger herhalten muss, dient dort das dörfliche Einerlei, die leere Dorfstraße am Samstagabend oder das Schützenfest als Problemkatalysator. Letztendlich gibt es wohl kaum Unterschiede, im menschlichen, nur die Luft ist am Ende besser, gesünder, verträglicher und wenn man raus geht, hat man auf jeden Fall seine Ruhe.
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![]() (geborgt bei flickr)
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Letzte Aktualisierung: 03.06.2024, 07:57 Links: ... Home ... Blogrolle (in progress) ... Themen ... Impressum ... Sammlerstücke ... Metametameta ... Blogger.de ... Spenden Archiviertes:
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