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Wo ist denn nun die Mitte?

Wie fühlen sich wohl abgebrannte Brennstäbe aus stillgelegten Kernkraftwerken? Wie fühlt es sich an, auf der Spitze des Mount Everest zu stehen? Bei Sonnenschein, nach neunstündigem, nächtlichem Aufstieg (also jetzt nur für die letzten 200 m) und einem Sauerstoffgehalt in der Luft, der klares Denken, ja, das Leben an sich quasi unmöglich macht? Die Sache mit dem Mount Everest interessiert mich tatsächlich, irgendeine, nicht näher beschreibbare Todessehnsucht in mir, vielleicht auch nur schnöde Abenteuerlust oder aber reiner Wahnsinn, lassen mich tatsächlich in Erwägung ziehen, eines Tages dort oben zu stehen. Du hast doch nen Knall. Vielleicht ist es auch das. Oder doch der innere Schweinehund? Der Wahnsinn? Und wie fühlt sich nun so ein abgebrannter Brennstab an, seines kühlenden Wasserbeckens beraubt und zur Wiederaufbereitung in irgendeiner geheimen iranischen Atomwaffenbasis eingelagert? Das sind die Fragen, die einem am Rande des Jahres umtreiben. Wahrscheinlich gilt es aber auch nur, sich zu distanzieren, einen Weg sehr weit abseits von der neuen konservativen Mitte, die vor kurzem so unmissverständlich von der großen Bundeskanzlerin und großen Parteivorsitzenden proklamiert wurde, zu finden. Es geht darum, sich von der Mitte, dem Mittelmaß, dem Durchschnitt zu distanzieren, obwohl man selbst wohl auch eher dazu gehört, wegen dieser und jener Geschichte, jetzt schauderts mich. So wird es sein: Lieber Mount Everest ohne Atemschutz, als konservative Mitte. Wer will schon gern zu "den anderen" gehören?
 
Fr, 07.12.2007 |  # | (608) | 3 K | Ihr Kommentar | abgelegt: schleichender wahnsinn



 

Adventskranz

Mit dem Morgen kommt das Grauen. Zitternd, frierend erwachen, die Glieder schwer, schmerzend, Kopf, Rücken, Beine, bin ich das oder doch der hustende, schnaufende, alte Mann, der mich gestern annieste und mich unglaublich anekelte? Jetzt nur nicht schlapp machen. Du, sage ich, aber deine Augen sind genauso schwer wie meine, schwerer noch, du willst etwas sagen, aber dein Mund bleibt verschlossen. Regenwasser rinnt die Rinne hinab, es tröpfelt und plätschert, ein starker Wind bläst gegen die Hauswand, meine Decke fliegt vom Bett und ich trage meinen willenlosen Körper hinaus, geradewegs zum Arzneischrank, der die Linderung birgt. Gib mir alles was es gibt, so klingt es mir im Ohr und nach einer Weile wird der Kopf klar. Die Beine immer noch schwach, das Zittern hat sich tief in die Knochen gegraben, Knabengeschrei bringt den Antrieb, wären die nicht hier, herrschte hier Totenstille, Krankenhausmief, zum Glück nicht. Tee, Tee, Tee, den ganzen Tag fließt Tee aus Kannen, Weihnachtsschmuck schmückt sich von allein an verborgenste Stellen, warmes, gelbes Licht, dezent versteckt, Kerzenschein, es wird warm, kitschig muss es sein, höre ich aus dem Telefon, schön kitschig und wer Weihnachten nicht mag, scheint arm dran zu sein, scheint Geborgenheit nicht zu kennen, nun ja, sage ich, da konnte vielleicht etwas dran sein, aber Familie, das kann ja so manchem auch zur Last werden.

Das Grauen hat sich ein wenig gelegt. Zwischen dicken, dunklen Wolken schaut blauer Himmel hervor, Zuversicht ergreift uns, alle. Der Gang zum Arzneischrank ist obligatorisch, aber wir müssen raus, raus, raus hier, an die frische Luft, andere Umgebung, weg, weg von hier, sonst geht man ein, Langeweile mit Soße. Holländerviertel. Parkplatz an einem Laden, der für Schokolade aus Ziegenmilch wirbt, lactosefrei, aber schmeckt das auch? Kleine, rote Backsteinhäuschen - Backsteine aus Rathenow, 18. Jahrhundert - darin kleine Läden, "Kunst mit Sinn", "Laden 37", da muss ich schmunzeln. Die Liebste schwärmt aus, sie hätte auch gerne so einen kleinen Laden, nur Sachen, die sie mag, aber bitte nicht die Elfen, Made in China, das ist doch blöd, nee, nee. Dafür Herrnhuter Sterne. (Betrachten Sie bitte auch diese Internetseite.) Bringen wir doch ein wenig Licht in den Advent, die kleinen, roten und gelben, die strahlen ganz leise, unaufdringlich, kein buntes Bling-Bling, da bekommt man doch epileptische Anfälle, nein, gemütliches, warmes Strahlen, ein Stern im Fenster, dazu noch Tannenduft, Ende Dezember gerate ich immer ins Schwärmen, Träumen und dann später: Neujahrsernüchterung.

Weihnachtsmarktberieselung. Die Straßen sind noch recht leer, gutes Durchkommen, vorbei an den Ständen voller Unsinn, was soll man denn mit häßlichen Weihnachtsmannwitzfiguren, die auf Motorrädern sitzen und blechern "Jingle Bells" singen? Das nenne ich grausam. Glühweinstände, Lebkuchenherzen mit lustigen Sprüchen, komm Schatz, wir hängen uns eins um, vielleicht "Du bist mein Hasischnuckiputzi"? Nein, nein. So geht das nun auch wieder nicht. Was sollen die anderen denken? Welche anderen? Ach ja, da sind ja noch ein paar. Alles mögliche trifft man hier. Uns, eine bepelzte Lady, den forever-busy Manager, telefonieren bis zum Herztod, den mit Jogginghosen bekleideten Sternburger-Trinker, vielleicht gibts hier ein paar weggeworfene Flaschen im Mülleimer? Lass uns besinnlich bleiben, also gehen, irgendwann gehen die Lichter rundherum an, zum Nachmittag wird alles duster, es riecht nach Zimt und langer Bratwurst, Glühwein, Punsch oder Punch, steht einer Hütte geschrieben - da trifft dich der Schlag. Nun doch noch ein bisschen Feeling, ich will nach Hause, Plätzchen backen, so will es die Tradition, aber doch nicht mehr heute, sonst fallen wir noch um, vor Erschöpfung, lass uns einen Kaffee trinken, Sterne schauen, Herrnhuter Sterne - ich wusste gar nicht, dass wir schon oft durch Herrnhut gefahren sind - und wenn wir besinnlich werden wollen, singen wir gemeinsam "I love my Leid" oder vielleicht doch "I love my Spießerleben"?
 
Mi, 05.12.2007 |  # | (540) | 2 K | Ihr Kommentar | abgelegt: fragmente



 

Aus dem Baum gesehen


 
Fr, 30.11.2007 |  # | (631) | 6 K | Ihr Kommentar | abgelegt: bilder erklaeren die welt



 

...

Pornoproduktion. Wieso dies? Im Rollstuhl eine alte Frau mit Pornobrille. Ich trage Textfragmente vor, in einer Sprache, die niemand spricht. Im Hintergrund Wissende: So geht das aber nicht und so schon gar nicht, also wissen Sie, Sie hätten sich mal schlau machen sollen, bevor Sie hierher gekommen sind und jetzt sagen Sie mal bitte die Wahrheit. Was ist die Wahrheit? Welche Wahrheit von den vielen?

Neben Maeve Binchy las sie das Buch von David Beckham, also die Biographie - Biographien lebender Menschen, nun ja - und fühlt sich eng verwandt mit Viktoria, den versteinerten Gesichtsausdruck, bloß kein Lächeln und wenn, dann nur künstlich, dieses proletenhafte Zurschaustellen von Reichtum, sie könnte das.

Sekundenbetrachtung.

Das Spiegelbild lügt nicht, nur die Interpretation des Sichtbaren ist problematisch. Bist du das wirklich? So freundlich der Blick, aber hinter der Fassade? Was ist da los? Unterdrückte Angst. Abscheu. Doch, ab und zu merkt man das. Die Welt, grau und grün, schwarz und weiß, bedrückendes Bild, aber ist es denn wirklich so schlimm? Jammer, nur um des jammern willens? Jeden Tag Feste feiern, fröhlich sein und trinken und lachen und essen, bis der Magen sich biegt, nur weil die Welt noch nicht in Trümmern liegt? Es gibt immer schlimmeres, arge Schicksale, gebeuteltes Leben, es geht dir gut, sagst du und ich sage: Na und? Kann es nicht etwas geben, das den Wohlstand auffrisst, wegbrennt, ätzt und reibt und alles mögliche in Frage stellt? Fragen wird man wohl noch stellen dürfen, bevor sich Zufriedenheit breit macht und das Denken nachlässt oder nur noch zur Aufteilung der erwarteten Lottomilliönchen eingesetzt wird . Ja, ja, ja, sagst du und schaltest das Radio ein, einfach könnte es sein, hören wir und draußen ist es dunkel und darum isses aber nich und am Ende sind wir einfach: Aufgewacht.
 
Fr, 30.11.2007 |  # | (804) | 8 K | Ihr Kommentar | abgelegt: auf der borderline nachts um halb zwei



 

Auch hier ist Musik drin

Überall ist Gold. Rote Farbe hier, bisschen weiße Watte dort, Adventszeit kommt angerollt, lässt sich nicht aufhalten, die Geschäfte haben sonntags geöffnet und auch bis Mitternacht, shoppen ohne Ende, die Säcke vollmachen, die vom Weihnachtsmann, versteht sich, und alle haben sich lieb, auf der Zielgeraden des Jahres, im letzten aller Monate dieses Jahres. Gehen wir noch ein Eis essen, am Potsdamer Platz? Irgendwann kommen die Feiertage, man setzt sich zusammen, trinkt heißen Tee und erzählt die eine oder andere Geschichte, der Weihnachtsmann schaut auch vorbei, der echte, natürlich, wir haben Kontakte! Dann lässt man es krachen oder auch nicht, vielleicht gemütlich und am Ende geht alles wieder von vorne los, 2008.

Aus dem Ohr der jungen Dame links neben mir tönen Akkordeon-Töne. Wohlbekannt. Mein Großvater soll begnadeter Akkordeon-Spieler gewesen sein, Schifferklavier und so, kann ich leider nicht mehr nachprüfen. Ich hätte auch mal einer werden sollen, sagte man mir, Akkordeon-Spieler, ich vermied das sicherlich nur, weil ich besser zuhören als spielen kann. In der Schule borgte mir mal jemand eine Kassette (Orwo) von Quetschenpaua, auch so ein Akkordeon-Bespieler, leider vergaß ich, mir das nette Kassettchen zu kopieren (überspielen). Das dauerte ja auch früher, auf dem Doppelkassettendeck, ein tolles Ding übrigens, ein 90 Minuten Tape brauchte sage und schreibe 90 Minuten, bis man eine vielleicht rechtmäßige Kopie in der Hand hielt, aber man konnte sich daneben setzen und in Zeitschriften blättern, andächtig lauschen und den Dolby-Rauschunterdrücker überwachen. Heute klickt man hier und da und nach ein paar Sekunden hat man 90 Stunden Musik in der Hand, womöglich rechtswidrig, als Straftäter, Verbrecher. Nun ja, das nennt man wohl Fortschritt. Quetschenpaua gibt es also nur noch in meinem Kopf und bei youtube, natürlich, im Internetz ist bekanntlich alles möglich.

Nun will ich aber gar nicht so tun, als wäre ich ein Kenner der Szene, ein Insider, das war purer Zufall, dieses Tape in meiner Hand, später spielte man mir auf einem SKR 700 auch noch die Skeptiker vor, kurz nachdem mir ein Werber der Wiking-Jugend über den Weg lief (ich wohnte nämlich mal in der Landsberger Allee), ich aber nur Blicke für lilafarbene Viking-Jacken hatte, die allerdings auch irgendeine Bedeutung hatten, genauso wie aus den Taschen heraushängende Tücher und verkehrt herum aufgesetzte Sonnenbrillen, und noch vor der Wende, neunundachtzig, lauschte ich mit ein paar russischen Freunden sogar in der Ostzone den Ärzten und Böhsen Onkelz, wobei ich letztere doof fand. Geschmackssache. Ich war schon immer ein Musikstaubsauger, Aufnahmeknopf direkt im Oberstübchen, Musik als Träger von Ideen, diese Idee finde ich gar nicht mal so schlecht. So könnte das stundenlang weitergehen, musikalische Assoziationsketten, hängen fest, in den Windungen im Dickschädel, wie Gerüche, verbinden Gedanken und Erinnerungen, daraus entsteht dann neues, wird hier gebloggt, mal sehn, welche Platte als nächstes aufgelegt wird (womöglich Tomte, dann, 2008).

PS: Gibts eigentlich einen Weihnachtskalenderdingsbums in diesem Jahr?
 
Di, 27.11.2007 |  # | (580) | 4 K | Ihr Kommentar | abgelegt: reality blogging



 

Aus der Reihe

Kraftwerk am Morgen, vertreibt Kummer und Sorgen.

[Sonnenschein. Verstrahlt?]
 
Mo, 26.11.2007 |  # | (489) | 2 K | Ihr Kommentar | abgelegt: fragmente



 

Vereinzelt

Sich selbst beim Alleinsein unausstehlich finden, dabei die goldenen Birkenblätter auf der Straße bewundern und das Licht, das von ihnen ausgeht, abperlt, abtropft, trotz grausiger grauer Wolkenschicht und in Gedanken ein Foto machen.

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Überhaupt. Ich kann sie verstehen, heimlich.

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Sie hat schon ein Geschenk für mich und lacht dabei verdächtig. Schmunzelnd schaut sie auf meine Füße und sagt "Socken, mein Schatz, Socken!" Ob da mein Ideechen noch angemessen erscheint? Welche Küchenmaschine kann den Wert von ordentlichen Socken in großer Stückzahl wirklich aufwiegen? Ein harter Weg bis zum richtigen Geschenk, kaufbar am 24. Dezember, vormittags. Und dabei wollten wir uns doch gar nichts schenken. Hahahaha.

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Ich war so dumm, als ich mit dem Bloggen anfing. Nun ja, nicht dumm, eher naiv. Ja, das trifft es. Und am Ende muss man ehrlicherweise sagen, dass man auch ein wenig geliebt werden will. Platonisch.

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Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk.

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"Wollen Sie einen Adventskalender?" (extra, Schlecker etc.) Dieses ganze Werbeschmusidusirabatt-Gelumpe. Man möchte ja nur noch online bestellen. Oder Bücher essen. Wenn es ginge.

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Möchte jemand all seine Tocotronic-Alben loswerden? Ich nehme alle. Adoptiere sie.

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Bilder!

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Nachgetragene Bauernschläue: Der dümmste Hahn fickt die meisten Hühner.
 
Fr, 23.11.2007 |  # | (1124) | 5 K | Ihr Kommentar | abgelegt: fragmente



 

...

Erst Tocotronic, dann Lexy und K-Paul. Herzerfrischendes Luftgitarrenspiel, lange Haare fliegen wild durch die Gegend. Jungs mit langen Haaren (blond, lockig) werden immer für Mädchen gehalten. Spinner. Ist es nicht auch egal? Musik, Musik, Musik. Kaum geht das Notebook an, rufen sie nach Musik. Papa, Musik! Bitte laut. Hier, Jungs, ein Tape aus meiner Jugend. Z-w-e-i-u-n-d-n-e-u-n-z-i-g! Ich betone es übertrieben. Bumm-Bumm-Bumm. Heute klingt das billig, das Tape rauscht. Kein Dolby. Papa, lass ma an. Ich schalte um, leg was neues auf. Empörung. Aber dann: Ein neuer, interessanter Sound. Hört mal. Hört ihr? Saxophon. Wollte ich immer mal spielen können. Ich sah mich nachts auf einer Brücke in Prag stehen und Saxophon spielen. Warum Prag? Verrückt. Manche Verrücktheit sollte man sich gönnen. Hey, Jungs, soll ich euch mal was sagen? Nö. Wollen lieber springen und Luftgitarre spielen und drehen die Musik noch lauter. Jetzt HipHop und Jazz. Geschmeidige Bewegungen, alles cool. Von mir hat der das nicht. Der Große. Aber, aber, Jungs, wollt ihr denn nicht meine klugscheißerischen Weisheiten hören? Nö, lieber Musik.
 
Mi, 21.11.2007 |  # | (734) | 5 K | Ihr Kommentar | abgelegt: kinder kinder



 



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Letzte Aktualisierung: 03.06.2024, 07:57


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