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Komplex Dank Frau Morphine ist es jetzt leider soweit: Ich habe den Pfad der Tugend verlassen und aufgehört zu stricken! Heute nacht biss ich nämlich römischen Legionären aus Gummibärchen-Gummi die mit roten Federbüschelchen behelmte Rübe von der Schulter, ganze Legionen machte ich auf diese Art kopflos und meine Genossen von der Volksfront von Judäa (oder waren es die Genossen von der Judäischen Volksfront?) beklatschten meine Tat mit tosendem Beifall. Bravo! Bravo! Scheiß Römer! Heute fühle ich mich natürlich schlecht, werde wohl beichten müssen oder sowas in der Art und hier geht es weiter mit gewaltfreier Kuschelmusik.
Morgenstund Stille. Ein Blick aus dem Fenster verrät: Heute einen Pullover anziehen. So bleibt man immer Mutters Sohn. Mit einem Lied auf den Lippen die Wohnung verlassen, schon früh bin ich ready for the floor. Um mich herum Nebelschwaden rauchender Raucher, bitterer Rauch in endlich klarer Morgenluft, klebrig, teerig, ätzend, ich kann kaum auf das Werbeplakat vor mir schauen, die Nebelschwaden versperren mir die Sicht. Auf diesem Plakat steht ein deutsches Auto vor einer nackten Betonwand, darüber Himmel. Wertigkeit neu erleben. Hart, zäh, flink, fällt mir dabei ein, das ist sicherlich so nicht gewollt, neue Werte gehen anders. Werden die sich gedacht haben, die Genossen. Stilles Lächeln. Die Rolltreppe quietscht andächtig vor sich hin und singt ein melancholisches Lied über die vergessene letzte Ölung. "Ölt mich endlich, ihr undankbaren Menschen, so ölt mich doch, ihr ignoranten Penner. Täglich trage ich euch von unten nach oben, von der Dunkelheit ins Licht. Aber ihr tretet mich mit Füßen, mit tausenden Füßen in dreckigen Schuhen, jeden Tag, und seid dabei undankbar und schlecht." Eine mürrische Rolltreppe, irgendwann wird der Servicetechniker kommen. Mir gegenüber sitzt ein Typ und hört laut Guns N'Roses. Brrrr. Und das am frühen Morgen. Dieser Axl Rose, war das nicht der, der sich in Radlerhose und Lederjacke presste, der mit rotem Bartansatz, fettigen Haaren und komischer Sonnebrille? Brrrr. "November Rain". Diese balladeske Ballade, diese Ballade aller Balladen, das ganze Personal wird aufgefahren und es wird geliebt, geheiratet und gestorben und dieser Slash ist natürlich auch dabei und fährt ein wirklich superes Solo auf, mit Zylinder auf der lockigen Mähne. Trotzdem. Brrrr. Aber vielleicht trügt mich auch meine Erinnerung, vielleicht lag ich ja schluchzend und heulend vor dem Fernseher und wollte so sein, wie Axl Rose, mit langen Haaren, gerötetem Bartansatz und Radlerhose, mit ner Kippe im Mundwinkel und der Flasche Whisky in der Hand? Frevler der ich bin, denke ich weiter, an Bon Jovi, brrrr, und Aerosmith, brrrr, obwohl, nichts gegen Liv Tyler. Aber die ist ja nicht Aerosmith, sondern Tochter. Im Kopf schwirrt mir dann ein wenig Geknarze und Gepiepse eines dieser schwer verständlichen elektronischen Musikinstrumente - die viele auch gar nicht als Instrumente, sondern als Teufelswerk bezeichnen - herum, irgendwas mit Hüllkurve, Drehreglern für alles mögliche und einem Filter zum dran rumspielen, das mag ja auch nicht jeder. Stille, Fotoapparat vergessen, aber dann ein wenig Monolake, ich sollte wieder mehr Bukowski lesen.
Irrgarten Im Prinzip läuft das so: Man hat ein Problem, vielleicht eher ein Problemchen, das zuerst auch gar nicht so wild erscheint, nein, es ist eher unproblematisch, es geht nicht um viel, aber um Geld und da hört irgendwann ja auch mal der Spaß auf. Nach zwei Monaten vielleicht, man hörte bis dato nichts und wieder nichts, es gab keine Bewegung in diesem Fall, Totenstille, das beunruhigt dann doch irgendwann. Man sucht sich also eine Telefonnummer, von der man meint, es könnte die richtige sein, sammelt ein wenig Freundlichkeit in der Stimme und auch im Herzen, der Groll ist ja gerade noch erträglich, und ruft diese Nummer an, Person A nimmt den Hörer ab. Aha. Person A ist nicht vorbereitet, wie auch, das ist ja ein Spontantelefonat. Spontantelefonate sind nicht überall gern gesehen, scheint es, und Person A ist ein wenig verwirrt und auch überfordert. Stille, Stammeln, Stottern, ach bitte, sagt sie, rufen Sie doch in drei Tagen noch einmal an, vielleicht weiß ich dann mehr. Ja. Man nimmt das hin, das ist ja auch irgendwie schon mehr, als gar nichts, was sind schon drei Tage, wenn man schon zwei Monate geduldig wartete. Nach drei Tagen endlich ruft man dann, wie abgesprochen, an. Person A geht ran, sie ist erst still, dann stammelt sie, stottert, ach ja, sagt sie, Sie sind das, ich verbinde Sie mal mit Person B, die kann Ihnen sicher weiterhelfen. Ja. Man nimmt das hin, schließlich geht es ja weiter, jede Weiterleitung bedeutet Bewegung und Bewegung ist natürlich besser als der Stillstand der letzten zwei Monate und Person B ist sicherlich kompetent genug, einem die doch inzwischen sehr ersehnte Auskunft zu erteilen. Person B nimmt sogar den Hörer ab und beendet so die langweilige Zeitschleifenmelodie. Ja, sagt sie, nachdem man ihr lang und breit seine Geschichte erzählt hat, man kann das ja inzwischen auch gut, den Namen habe schon einmal gehört. Leider kann ich Ihnen auch nicht weiterhelfen, rufen Sie mal am besten Person C an, die weiß auf jeden Fall etwas, ich bin ja hier nur aushilfsweise und schon wieder auf dem Sprung in eine andere Abteilung, wissen Sie, ich bin hier nur Springer, da geht man meistens nicht so in die Tiefe. Ja. Man nimmt das vorerst hin, ahnt aber, dass es hier teifgreifendere Probleme gibt. Hier weiß niemand etwas. Vielleicht wissen ein paar ein bißchen, ein paar wissen mehr, ein paar wissen weniger, aber niemand weiß alles und das vor allem, wenn man etwas will. Rufen wir nun also Person C an und werden sehen, ob am Ende wenigstens eine der Personen zwischen D und Z ein wenig Durchblick erkennen lässt. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.
958 Und wenn ich alt und weise, oder irgendetwas in dieser Art, bin, werde ich Säle füllen und aus dem Kleingedruckten vorlesen, mit Lesebrille, versteht sich. Das Alter, das Alter. Und sollte jemand tatsächlich fragen, was das denn überhaupt solle, behaupte ich dann, ein süffisantes Lächeln nicht verkneifen könnend, das ich das natürlich nicht wüsste und er vielleicht morgen denundden anrufen sollte, der würde ihm das schon sagen können, wohl wissend, dass derundder ihn auch nur an jemand anderes weiter verweisen wird, der einen kennt, der darauf vielleicht eine Antwort hätte. Und so weiter. Man kennt das ja. [Ist das alles eigentlich noch menschlich?]
Vereinzelt Herbstanfang. Sky blue schreibt dazu: do you remember me? # Nun ist ein alter Baum ein Stückchen Leben. Er beruhigt. Er erinnert. Er setzt das sinnlos heraufgeschraubte Tempo herab, mit dem man unter großem Geklapper am Ort bleibt. Und diese alten Bäume sollten dahingehen, sie, die nicht von heute auf morgen nachwachsen? Die man nicht ›nachliefern‹ kann? Die nicht in Serien, frei ab Wald, wieder aufgebaut werden können? # Manchmal ist es einfacher, schwere Dinge auf den Schultern zu tragen, als eine Maus hin und her zu schubsen. Man verkrampft ja auch oft. # 700 Milliarden Dollar. 700.000.000.000 Dollar. Runde 493 Milliarden Euro. 493.000.000.000 Euro. Wer soll noch glauben, dass für irgendein pädagogisches, ökologisches oder soziales Projekt kein Geld da ist, wenn man über Nacht Trillionen für Quatschpapiere finden kann? # Die Last, sich mit Wissenden zu umgeben, die eine undurchdringliche Absolutheit vor sich her tragen. Jene, die vorgeben, immer alles zu wissen, das macht mich stutzig. Niemand kann alles wissen, niemand wird jemals alles richtig machen. Bis auf manche. Denken die von sich. Unangenehm. # Noch einmal Herbstanfang: Der Spätsommer brachte bisher vor allen Dingen dicke, dunkelblaue bis schwarze Wolken, die knapp über den Kronen der Bäume entlang zogen, aber sich eher selten, vor allem nachts, wenn es niemanden störte, ihrer nassen Last entledigten. Ein paar Spinnweben gab es schon Ende August, Anfang September rissen sie aber ab, das Gefühl klebriger Fäden auf Wange, Nase und Lippe, die Frage nach dem Verbleib der krabbeligen Bewohner, glitzernder Tau in der Morgensonne, all das blieb aus. Oder lief an mir vorbei. An dir doch auch, oder? Aber jetzt, jetzt kommt der Frühling vor dem Winter, sagte mir gestern eine Stimme ins Ohr, und das doch auch ganz schön und die Kastanien erst, aus denen etwas zu basteln man kurzzeitig gedenkt und bunte Blätter an den Fenster und Drachen in der Luft. # Natürlich möchten sie das weder hören noch sehen, aber es ist kaum zu verleugnen: Sie haben es hinbekommen, Mutter und Vater in ihre Kinder hinein zu klonen. Der eine ruhig, verschlossen, in sich zurückgezogen, aber interessiert und heimlich klug, der andere ein Ebenbild, quirlig, schlagfertig, immer wilde Gedanken im Kopf, die sofort umgesetzt werden müssen, offensichtlich klug und sehr einnehmend. Sagen alle.
Bruchstück ein Roß mit seinem Reiter, entledigt sich, ganz pöahpö, vom fetten Wohlstandseiter. Ist mir so aus der Jackentasche gefallen, das kleine Zettelchen, der Diktator wurde nach dem Diktat wahrscheinlich vereist. [Trivialpoesie aus dem Nähkästchen.]
Wir sind hier nicht Heute roch es auf der Oranienburger Straße, gerade als ich um die Ecke kam und auch die Sonne ein wenig ins Schmunzeln geriet, haargenau so, wie vor vier Jahren, als ich zum ersten Mal ein antville-blog anklickte und gar nichts wusste. Heute weiß ich vielleicht mehr, aber was heißt das schon? Jemand lachte über "die Finanzkrise", am Telefon, ein Schelm vielleicht, ha ha, und ich summte einfach so "Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk" vor mich her, so als ginge mich das alles gar nichts an.
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